Schulgeschichte

Jüdische-christliche Symbiose 1867-1933: Ein Brief des Rabbiners Dr. Kusznitzki aus dem Jahr 1911

Von 1867 bis 1938 besuchten nach heutiger Kenntnis 184 Mädchen jüdischen Glaubens die Schule. Die Väter der Schülerinnen waren Kaufmänner, Ärzte, Rechtsanwälte, Bankiers und Handwerker: Vor allem das wohlhabende und bildungsbeflissene jüdische Bürgertum aus Bayreuth und Oberfranken und schickte seinen weiblichen Nachwuchs an die „Töchterschule“. Einige der Mädchen kamen aus Ulm, Braunschweig, München oder Heilbronn und lebten in Bayreuth in Pension.

Dies belegt, dass die Schule bei den jüdischen Familien einen durchaus guten Ruf gehabt haben muss. Es war selbstverständlich, dass, neben den protestantischen und katholischen Religionslehrern und Pfarrern für die christlichen Schüler, für diese wichtige Schülergruppe ebenfalls Rabbiner und Lehrer angestellt waren, die in der „israelitische Religion“ unterwiesen, wie es die Jahresberichte stets vermerkten. Geisteskrankheiten wie Antisemitismus und Judenfeindlichkeit konnten sicherlich auch den Lehrern und Schülern nicht verborgen bleiben, aber an der Schule spielten sie bis 1933 keine Rolle. In den Unterlagen des Schularchiv finden sich keine Belege für irgendwelche antisemitischen Vorfälle. Die Erinnerungen von Schülerinnen belegen zudem, das sie offenbar völlig ungezwungen miteinander umgingen: Für die Freundschaften und die Rivalitäten war die Religionszugehörigkeit ohne Bedeutung, damals wie heute, es sei denn, die Kinder und Jugendlichen werden von der „erwachsenen“ Umwelt aufgewiegelt.

Ein bewegendes Beispiel für diese einträchtige Symbiose ist ein Schreiben des Rabbiners Dr. Kusznitzi, der von 1880 bis 1911 als Rabbiner an der Töchterschule unterrichtete. Er bedankt sich in dem Brief vom 20.10.1911 beim Schulleiter sowie beim „geehrten Lehrerkollegium“ für die „wohlwollende Beurteilung seiner Lehrtätigkeit“ und die vielen guten Wünsche, die ihm nun, anlässlich des Antritts des Ruhestands, erreichten. Er werde stets an seine Zeit an der Schule zurückdenken und hoffe auch weiterhin auf Nachrichten von ihrem weiteren „Blühen und Gedeihen“.

Dr. Salomon Kusznitzki wurde am 19. Januar 1846 in Kempen bei Posen geboren und verstarb am 28. Juni 1917. Er machte das Abitur in Breslau, wo er auch Theologie studierte. Von 1874 bis 1880 war er Rabbinatsassessor des Landesrabbiners Levi Herzfeld und Leiter der Religionsschule in Braunschweig. Von März 1880 bis zum Ruhestand im September 1911 arbeitete er Rabbiner in Bayreuth, wo er auch an der Töchterschule unterrichtete. Als Rabbiner war er auch an anderen Orten in Nordbayern tätig. Seinen Lebensabend verbrachte er in Breslau. Er war verheiratet mit Auguste, geborene Löwenheim. Aus der Ehe gingen ein Sohn und zwei Töchter hervor, Cäcilie und Recha, die ebenfalls zwischen 1890 und 1898 beim Herrn Papa an der Mädchenschule waren. Das Schicksal des Bruders und von Cäcilie ist unbekannt. Recha wurde im März 1943 von Breslau nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Kusznitzkis Nachfolger als Rabbiner in Bayreuth und Religionslehrer an der Mädchenschule war ab 1912 Dr. Benjamin Falk Felix Salomon. Die jüdische Gemeinde Bayreuth und ihr Rabbinat musste 1936 aufgelöst werden, 1938 wurde Salomon in das KZ Dachau gebracht. Noch im Juli 1939 konnte er nach England emigrieren. Er kam 1940 bei einem Bombenangriff auf London ums Leben.

Breslau, 20. Oktober 1911

Euer Hochwohlgeboren
und dem geehrten Lehrerkollegium der höheren Töchterschule in Bayreuth fühlt sich der ergebenst Unterzeichnete zu aufrichtigen Dank verpflichtet für die wohlwollende Beurteilung seiner Lehrtätigkeit, sowie für die Wünsche in Bezug auf den durch die gütige Vorsehung ihm beschiedenen Lebensabend.

War ich mir der Ehre bewußt, inmitten eines so pflichtgetreuen und hochgeachteten Lehrkörpers (zu lehren) zu lehren und zur ethischen Erziehung und Heranbildung der ihm anvertrauten Jugend beizutragen, so werde ich der Zeit meines Wirkens an der Töchterschule stets eingedenkt bleiben und mit großem Interesse das weitere Gedeihen und Blühen derselben von Zeit zu Zeit vernehmen.

Mit innigen Grüßen und wahrer Hochschätzung
verharre ich als
Euer hochwohlgebornen
ganz ergebener
Dr. Kusznitzki
Freiburgerstr.32

Dem Kollegium zur Kenntnis
B. 23.X.11 Keßelring


Gel. Völk
Gallenberg
Dr. Kurz
Dr. Scheidel
Wotschack
Aign

Brief des Rabbiners Dr. Kusznitzki von 1911