Schulgeschichte

Der Kampf um die Schülermütze 1912

Schülermütze einer Abschlussklasse, weißer Seidenstoff mit hellblauem Band

Bis 1912 trugen die Schülerinnen keine Schülermützen. Sie wurden von ihren standes- und modebewussten Eltern vornehm eingekleidet, und es war schon ein großer Fortschritt, dass auf Betreiben der Erziehungsbehörden und des Engagements von Schulleiter Kesselring das Korsett abgelegt wurde. Die Schülerinnen trugen nun die praktische Reformkleidung, aber in gediegener Ausführung. Dazu gehörten noch immer die teuren Mode- und Winterhüte, die bis zu 20 Mark kosteten.

Schülerinnen mit Modehüten im Schulhof, Aufnahme Sommer 1912

Den Schülerinnen selbst scheint das allmählich etwas peinlich geworden zu sein. Vor allem aber wollte man mit den Jungs der anderen Schule mithalten, besonders mit denen der weiterführenden Schulen, deren Distinktionsmerkmal natürlich eine Schülermütze war, so wie sie auch von den erwachsenen Studenten oder den „alten Herren“ getragen wurde.

Im Herbst 1912 war die Gelegenheit günstig: Der nun schon altehrwürdige und gestrenge Schulrat Kesselring weilte noch in einem Erholungsurlaub, und bei seinem jungen Stellvertreter Dr. Kurz wurde von den Schülerinnen der sechsten Klassen der Antrag gestellt, ob man nicht anstelle „des teuren und unförmlichen Winterhutes“ eine „kleidsame Tellermütze“ tragen könne, so wie es auch schon an anderen Schulen in Mittel- und Norddeutschland Sitte sein. Zudem reichten die Schülerinnen auf seine Nachfrage gleich ein Muster der neuen Mütze ein und betonten, dass der Anschaffungspreis überaus günstig sein, nämlich nur 2,50 Mark.

Dr. Kurz zögerte ob dieses tolldreisten Antrags und holte erst brieflich die Meinung von Kesselring ein. Er wies allerdings in seinem Brief bereits darauf hin, dass er in den „Disziplinarsatzungen“ keine Bestimmungen gefunden habe, die das Tragen einer solchen Mütze verbieten würden.

Kesselring schob die Entscheidung offenbar zuerst auf Dr. Kurz ab. Kurz testete die von den Schülerinnen eingereichte Probemütze („dunkelblaue Mütze mit hellblau-weißem Streifen“), befragte das Kollegium, das Zustimmung signalisierte, und schickte die Probemütze an den beurlaubten Kesselring. Dieser setzte sie vermutlich auch auf seinen Kopf und stimmte schließlich dem Tragen der Mütze zu.

Dr. Kurz erlaubte nun in Bayreuth der 3., 4., 5. und 6. Klasse das Tragen der Mütze. Die beiden unteren Klassen wurden vorerst noch vertröstet. Später, wie man aus den vorhandenen Photos erkennen kann, hatte dann aber jede Jahrgangsstufe ihre Mütze, wobei festgelegt wurde, dass der farbige Streifen um die Mütze in jedem Jahrgang wechseln sollte. Anfangs hatte die Mütze auch noch keinen Schirm, da das als zu „unweiblich“ galt; aber auch dieser Schirm wurde bald ergänzt.

Den Schülerinnen selbst war nun die Sache anfangs nicht ganz geheuer. Wie aus den Erinnerungen von Emmy  C. Rindsberg hervorgeht, versammelten sich die Schülerinnen der 5. Klasse in der Wohnung einer Mitschülerin in der Hofapotheke und und behelmten sich mit den neu angeschafften Schülermützen. Dann zog man auf den „Bummel“ über die Maxstraße und maß seine Kräfte mit den ebenfalls anwesenden Bummelanten aus den Jungen-Schulen.

Die Wirkung muss eine durchschlagende gewesen sein. Die Mützen der Schülerinnen wurden Stadtgespräch, und sogar ein Reporter des „Bayreuther Tagblatts“ wurde angelockt. Hämisch berichtete nun die Zeitung am 17. Oktober 1912 von dieser neuen „Unzier“, denn „schön sehen die jungen Damen mit den Mützen nicht aus“.

Auch einem beflissenen Beamten der Königlichen Regierung, Kammer des Innern, war diese Veränderung im Bayreuther Straßenbild sogleich aufgefallen, oder sie wurde ihm hinterbracht. Er sah sich am 21. Oktober 1912 umgehend zu einem Brief an den Direktor der städtischen Höheren Mädchenschule veranlasst, in dem er Aufklärung forderte:

Es wolle berichtet werden, ob dies mit Genehmigung des Direktorats geschieht. Zugleich wäre anzugeben, aus welchen Gründen das Tragen auffallender Abzeichen seitens der Schülerinnen nach der Anschauung der Anstaltsleitung notwendig oder wünschenswert erscheint.

Nun stand die Sache auf der Kippe. Kesselring weilte noch immer im Erholungsurlaub, und so fiel es seinem Stellvertreter Dr. Kurz zu, mit einer Erklärung zu antworten. Er reagierte umgehend am 26. Oktober und betonte in seinem Brief an die Regierung, dass das Kollegium und der abwesende Schulleiter die Mützen gebilligt hätten. Zudem seien die Mützen preiswert und auch die Schüler der anderen Schulen würden sie tragen. Vor allem appellierte er an die damaligen militaristischen Wertvorstellungen: Die Mützen würden den „Chorgeist“ stärken und seinen vorteilhaft für die „Disziplin“ – !

Die Angelegenheit blieb vorerst ungeklärt, aber mittlerweile kam eine Entscheidung, und zwar von allerhöchster Stelle: Der Deutsche Kaiser und König von Preußen Wilhelm II. und seine Gemahlin, Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, besuchten in Homburg v. d. H. eine Schule für Höhere Töchter, die unter dem Protektorat der Kaiserin stand. Dabei fielen der Kaiserin auch die „bunten Schülermützen“ der Mädchen auf, und sie befand, „die Mädchen sähen sehr nett darin aus“. Auch der Kaiser urteilte kennerisch, die Mützen würden den „Korpsgeist“ stärken. – Damit war die Sache entschieden. Die „Frankfurter Zeitung“ berichtete von dem Besuch, und die Bayreuther Zeitungen druckten die Meldung pflichtschuldig nach. Kein königlicher Beamter und kein Schulleiter hätte es nunmehr gewagt, die Schülermütze zu verbieten.

Schuljahr 1917/18, Schülerinnen der 4. Klasse im winterlichen Hofgarten, das erste erhaltene Bild mit Schülermützen

So wurde auch an unserer Schule die Schülermütze zum Erkennungszeichen und zum Statussymbol. Farbe und Form änderten sich freilich im Laufe der Jahre. Anfangs hatte sie eine eher dunkle blaue Farbe, in den zwanziger Jahren wurden bisweilen helle Farben getragen. Die Mützen in der Abschlussklasse wurden auch in wertvoller Seide gefertigt.

Abschlussklasse 1924 in vollem Wichs: weiße Seidenkleider und Plisseeröcke, weiße Schülermützen und Colour-Bänder. Atelier-Aufnahme der königl. bulgar. Hof-Photographen Ramme und Ulrich, Bayreuth, Ludwigstraße 26

Einen Nachteil hatte die Mütze freilich: Schon von weitem konnte nun jeder Bayreuther erkennen, dass sich eine Schülerin der Höheren Töchterschule näherte, und diese konnte nun umso leichter irgendwelcher Missetaten überführt werden!

Ego-Pusher: Schülerinnen der ersten (5.) Klasse 1929 mit ihren Mützen

Das Ende der Schülermütze kam dann sehr schnell nach 1933 in der Nazi-Zeit. Die Mütze passte nicht mehr in die Volksgemeinschaft, sie war nun als „elitär“ verrufen. So drängte der Schulleiter darauf, dass sie nicht mehr getragen wurde.

Ein letztes Klassenphoto mit Mütze ist von 1935 erhalten. Danach entstanden nur noch Photos mit Mützen bei privaten Treffen – aber hier wurden sie aufgesetzt!

Abschlussklasse 1935, der letzte Jahrgang mit Mütze