Schulgeschichte

„Körpertheile mit willkürlichen Veränderungen“: Wespentaille 1888, Reformkleidung 1901

Das erste erhaltene Bild einer Klasse, die Schülerinnen im Korsett, 1888

1888 gab es sie noch, die „Welt von Gestern“, wie Stefan Zweig im Rückblick schrieb: Adel und Klerus waren einflussreich, die Unterschichten strebten nach oben, aber das (reiche) Bürgertum prägte nun mit seinen Tugenden, seinen Verhaltensmustern und seinem Geschmack das tägliche Leben.

Und dieses Bürgertums strebte auf dem Gebiet der Mode und des Aussehens nach Seriosität und Gediegenheit. Als Modefarben wurden von den Herren wie von den Damen Schwarz und Grau bevorzugt, die Haut wurde grundsätzlich bedeckt und sollte nicht der Sonne ausgesetzt werden – nur bei festlichen Anlässen pflegten die Damen „eine Welt von Busen zu entblößen“, wie Thomas Mann verwundert bemerkte. Beide Geschlechter kleideten sich von der Kopfbedeckung bis hinab zu den Knöpfstiefeln („Halbschuhe“ waren indiskutabel) in eher schwere Stoffe und in durable Materialien. Allenfalls Kinder durften sich seit den Zeiten der Romantik leicht und luftig anziehen. Eine Jugendmode mit legeren „Klamotten“ im heutigen Sinn gab es nicht. Ohnehin sollte das Auftreten so schnell wie möglich nicht mehr jugendlich sein: Schon die jungen Herren ließen sich dichte Bärte wachsen und bewegten sich langsam, schnelles Rennen war verpönt, denn: „Ein Offizier läuft nicht!“ Die Damen hatten sich „vornehm“ zu verhalten und zu bewegen. Modisches Vorbild war die gereifte und opulente Frau, und stets war auf Schicklichkeit und Dezenz zu achten.

Als sich daher eine Klasse mit Schülerinnen der Höheren Töchterschule Bayreuth im Jahr 1888 zum Gruppenbild im Photoatelier einfand, hatten die Mütter und die Dienstboten bereits ganze Arbeit geleistet: Die Töchter waren sorgfältig frisiert und gescheitelt, das Haar fiel nicht „frei“, die grauen oder schwarzen Kleider waren aus aus dichtem Stoff und bodenlang, die Stehkrägen bis obenhin geschlossen. Zulässiger Schmuck waren dünne Ketten und kleine Schleifen. Vor allem aber modellierten die Korsetts die Körper der jungen Mädchen: Wie die erwachsenen Frauen trugen sie gemäß dem Dernier Cri steife Unterkleider, die sich unter den langen Knopfreihen der Oberkleider erahnen ließen. Diese Unterkleider sollten die als elegant anpriesene Wespentaille bewerkstelligen. – Der Hofphotograph disponierte alle Töchter vor dem Hintergrund, im Vordergrund wurden Grünzeug und ein Teppich ausgebreitet, die Mädchen mussten stillestehn, dann trat die Balgenkamera in Aktion: Die empfindliche Platte wurde belichtet, und noch heute befindet sich im Schularchiv die Aufnahme einer Klasse, die um 1888 entstand.

Eine weitere Klasse mit Schnürung, hier die Abschlussklasse von 1897

Es nimmt nicht Wunder, dass die nach dem Flaschenzugprinzip arbeitenden Schnürungen der Korsetts den Schülerinnen wie allen anderen Frauen bisweilen buchstäblich die Luft zum Atmen nahmen. Denn nicht nur bei festlichen Anlässen und im Photoatelier, nein, auch im Alltag hatten die Schülerinnen der höheren Klassen die Schnürbrust anzulegen, nur die Töchter der unteren Klassen bleiben davon verschont. Ohnmachtsanfälle waren normal und Haltungsschäden waren weit verbreitet. Die Lehrerinnen hatten stets Riechsalz zur Hand, um Wiederbelebungsversuche zu starten; vermutlich kam es bisweilen bei ihnen selbst zum Einsatz. So war es verständlich, dass schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts der Ruf nach einer „Reformkleidung“ immer lauter wurde: Aus gesundheitlichen wie aus emanzipatorischen Gründen sollten die Frauen das Korsett ablegen und frei fallende, ungeschnürte Kleider tragen. In Berlin veranstaltete 1897 der „Verein zur Verbesserung der Frauenkleidung“ erstmals eine Ausstellung mit den neuen Wäschestücken.

Im bürgerlich-konservativen Bayreuth war es aber noch nicht soweit. Hier musste die Reform von oben kommen. Zum Glück und überaus passend gab schon am 19. September 1900 der Kgl. Regierungspräsident von Oberfranken, dessen Tochter die Höhere Töchterschule besuchte, in einem Schreiben an das Institut zu bedenken, dass „hinter der geistigen Schulung“ der Mädchen „nicht die körperliche Erziehung zurückstehen soll“. Der Regierungspräsident, dem vermutlich auch die eigene Tochter zugesetzt hatte, bedauerte, dass nur „eine einzige Turnstunde in der Woche“ eingeplant sei, „und es wird Sache des Unterrichtsrates sein, Mittel und Wege zu finden, um die die beiden Seiten der Schulerziehung besser ins Gleichgewicht zu bringen.“

Schulrat Kesselring verstand den Wink. Es scheint ihm aber auch trotz der ihm eigenen eher beflissen-konservativen Einstellung ein Bedürfnis gewesen zu sein, der Schule einen modernen Anstrich zu geben. Die Schülerinnen sollten sich mehr bewegen, er forderte und förderte den Sportunterricht, und vor allem sollten die Bayreuther Honoratioren ihre Töchter nicht mehr mit den Korsetts ausstaffieren, die in Großstädten wie Berlin schon aus der Mode kamen. Zudem musste man ja die Anregung des Regierungspräsidenten aufgreifen und man konnte nun an die gefährlichen Fragen der Damenmode mit gesundheitlichen Argumenten und mit den Erfordernissen des Sports herangehen.

Umgehend hielt Kesselring daher auf der Abschlussfeier der Höheren Töchterschule im Jahr 1901 eine Vortrag zum Thema „Über die Bedeutung der Leibesübungen für das weibliche Geschlecht“. Darin plädierte er energisch für ein Training der „körperlichen Kräfte bei Knaben und Mädchen“, vorzugsweise im Sportunterricht, wie er ja auch an der Töchterschule erteilt wurde. Dann griff er die Eltern, die ihre Töchter noch immer ins Korsett steckten, frontal an:

„Anständig“ nennen es manche Mütter, wenn ihre Töchterchen sich wie kleine Dämchen still und ruhig verhalten; graziös, wenn sie in ein modernes Kleidergerüst eingebaut, wie Zierpüppchen gehen und stehen. Und doch wohnt die Bewegungslust und das Bewegungsbedürfnis von Natur aus den Mädchen in gleicher Weise inne wie den Knaben. Ich erinnere hier nur an die Lust zum Tanzen.

Zumindest die letzte Bemerkung über das Tanzen war etwas scheinheilig, denn das konnte Kesselring überhaupt nicht leiden und er versuchte es – erfolglos – mit seiner „Disziplinar-Ordnung“ zu unterbinden. Aber hier heiligte der Zweck die Mittel, und nun knöpfte sich der Schulleiter nochmals persönlich das Korsett vor, das er als schon überholte alte Klamotte hinstellte:

Ich will hier nicht auf das Korsett, diese Druckmaschine auf die Lungen- und Verdauungsorgane, dem häßlichsten und ungesundesten Erzeugniß unserer Frauenmode, durch welches selbst Völker, die an der Spitze der Kultur stehen, willkürliche Veränderungen an ihren Körpertheilen vornehmen, eingehen, sondern ich will nur der festen Überzeugung Ausdruck bringen, dass dieser moderne Marterapparat seine Herrschaft einbüßt, sobald unsere Mädchen zum regelmäßigen Turnen und zu Bewegungsspielen angehalten werden …

Kesselrings Kritik am Korsett nach dem Flaschenzugprinzip fiel offenbar auf fruchtbaren Boden. Die Zeit war reif, der Modegeschmack wandelte sich und die Einsicht siegte. Nach 1901 finden sich im Schularchiv keine Bilder mehr, die Schülerinnen wie früher im Korsett zeigen.

Fünfte Klasse 1907, die Abschlussklasse von 1908, die Haare hochgesteckt, aber ansonsten nun ungeschnürt und frei fallend