Theater ohne Illusionen

Die Pojektion der Wünsche ersetzte die Bühnenillusion

Die Projektion der Wünsche ersetzte die
Bühnenillusion

Die Bühne ist im Theater der Raum der Illusion: Dem Zuschauer wird eine Geschichte vorgegaukelt, die er glauben soll. Wo es aber keine Illusionen mehr gibt, müsste die Bühne eigentlich leer sein. Dies war Teil eines beklemmenden Raumkonzeptes, mit dem die Theatergruppe „Dramatisches Gestalten“ der Q11 an eine Bearbeitung der Schiller’schen „Räuber“ heranging.

Während die Bühne leer bleibt, ist die Handlung der Protagonisten, die das Geschehen zu steuern versuchen, an den Rand gedrängt: Sie kämpfen mit dem engen Raum seitlich neben dem Publikum und schaffen ebenso wenig, aus dieser Enge auszubrechen wie aus ihren falschen Ansichten.

Der enge Raum lässt keinen Ausbruch zu.

Die Enge lässt keinen Ausbruch zu.

Zugleich zwingen sie die Zuschauer durch die Änderung der Blickrichtung an ihren verbalen Windungen und Verrenkungen physisch teilzuhaben, bis der Nacken schmerzt. Die „Räuber“ sind weder in Schillers Original noch in der modernen Bearbeitung, die die Gruppe spielte, ein angenehmes Stück, denn es geht um verratene Illusionen, falsche Liebe, Geld, Gewalt, deren fragwürdige Legitimation und gefährliche Wirkung bloßgestellt werden.

Am Ende sind alle Illusionen zerstört.

Am Ende sind alle Illusionen zerstört.

Doch die Versuche, die Zustände zu ändern, sind Hirngespinste: Sie wurden in der Inszenierung nicht gespielt, sondern an die Wand projiziert. Wenn sie real geworden sind, ist die Gruppe junger Leute um Charlotte Mohr, die wie der Protagonist bei Schiller, von ihrem missgünstigen Geschwister durch eine billige Briefintrige aus der väterlichen Gunst verbannt wird, zur Verrbrecherbande mutiert, die Geld erpresst, Computer hackt und Geiseln nimmt. Erst jetzt, im zweiten Drittel des Stückes, öffnet sich Vorhang und man sieht im Bühnenguckkasten, was aus den jungen Leuten geworden ist: Gescheiterte Kriminelle, deren Ideale ebenso wenig etwas taugten wie persönliche Eitelkeiten, kriminelle Energien oder der Wunsch, „reich“ zu sein.

Gruppenbild mit Räubern: Statt hehrer Ideale gibt es Entführung und Gewalt.

Gruppenbild mit Räubern: Statt hehrer
Ideale gibt es Entführung und Gewalt.

Es war ein kluges Stück mit vielen klugen Sätzen, die sauber gesprochen wurden, wie überhaupt die schauspielerische Leistung ausnahmslos der gesamten Gruppe sehr stark und eindringlich wirkte. Weil dem so war, räumte die Inszenierung von Frau Guder-Späth mit etlichen Vorurteilen auf: Dass Schultheater immer lustig sein muss; dass es um Gottes Willen keine Experimente geben darf, damit alle zufrieden sind; dass die heutigen Jugendlichen nichts mehr zu sagen hätten: Stimmt alles nicht. Wer es nicht glaubt, hätte nur zu kommen brauchen.