{"id":3771,"date":"2014-07-18T17:38:22","date_gmt":"2014-07-18T15:38:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/?page_id=3771"},"modified":"2016-11-26T20:19:46","modified_gmt":"2016-11-26T19:19:46","slug":"der-spass-endet-wo-der-spass-beginnt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/?p=3771","title":{"rendered":"Der Spa\u00df endet, wo der Spa\u00df beginnt"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_3772\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/2014_Fr\u00fchlings_Erwachen_web.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3772\" class=\"size-full wp-image-3772\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/2014_Fr\u00fchlings_Erwachen_web.jpg\" alt=\"Der Chor der Eltern und Lehrer (gesprochen von Sch\u00fclern der Klasse 5c) zeigte die repressive Erwachsenenmoral\" width=\"500\" height=\"264\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/2014_Fr\u00fchlings_Erwachen_web.jpg 500w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/2014_Fr\u00fchlings_Erwachen_web-150x79.jpg 150w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/2014_Fr\u00fchlings_Erwachen_web-450x238.jpg 450w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/2014_Fr\u00fchlings_Erwachen_web-250x132.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3772\" class=\"wp-caption-text\">Der Chor der Eltern und Lehrer (gesprochen von Sch\u00fclern der Klasse 5c) zeigte die repressive Erwachsenenmoral<\/p><\/div>\n<p>\u201eHier beginnt der Spa\u00df\u201c, steht auf dem rosa Ballon, den Wendla in der Hand h\u00e4lt. Doch das Leben ist manchmal kein Spa\u00df, und wer bei der Auff\u00fchrung der \u201eFreien Theatergruppe\u201c des RWG einen solchen erwartet hatte, sah sich gr\u00fcndlich get\u00e4uscht: Wendla ist 14, sie ist schwanger, der ahnungslose Kindsvater ist ein Gymnasiast, kaum \u00e4lter als sie, und sein bester Freund hat sich gerade umgebracht.<\/p>\n<p>\u201eJetzt, wo der Sommer kommt\u2026\u201c hie\u00df der Titel des St\u00fccks, frei nach Motiven von Frank Wedekinds \u201eFr\u00fchlings Erwachen\u201c, und er k\u00f6nnte eine fr\u00f6hliche Romanze unter Teenagern verhei\u00dfen. Doch diese bleibt aus: Moritz, der in der Schule nichts zuwege bringt, wird von seinen Lehrern, die viel von der \u201esittlichen Weltordnung\u201c sprechen, gnadenlos ausgesiebt und zerbricht an dem Druck des Systems. Die Familie, die ein Hort der Geborgenheit sein k\u00f6nnte, ist nicht besser: Noch am Grab des Sohns ist man von der Richtigkeit der eigenen Erziehungsmethoden \u00fcberzeugt, ohne man verstanden h\u00e4tte, wie es im Inneren des Sohnes aussieht. Neben der Gef\u00fchllosigkeit darf auch die Dummheit regieren: Nat\u00fcrlich glaubt Wendla nicht mehr an den Klapperstorch, aber das verklemmte Schamgef\u00fchl der Mutter verhindert eine echte Aufkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Weil die Mutter \u00fcbersieht, dass die Verl\u00e4ngerung des Rocksaums \u00fcber das Knie keine Verh\u00fctung ist, kommt es, wie es kommen muss. Wendlas erstes Mal ist das letzte Mal, weil es in einem Abgrund endet: Der besitzergreifenden Gewalt Melchiors, der eigentlich blo\u00df wissen will, wie es ist, hat die naive Wendla nichts entgegenzusetzen und auch nicht den Folgen: Eine Schwangerschaft ist keine Wassersucht, wie es sich die Mutter einredet, und man kommt ihr auch nicht mit Brausepulver bei, wie es der Doktor glauben machen will. Doch die Abtreibung, welche stattfinden soll, um die Fassade der Anst\u00e4ndigkeit wahren zu k\u00f6nnen, \u00fcberlebt Wendla nicht. So t\u00fcrmt sich ein Gebirge aus Schuld und Hilflosigkeit auf, welche am Ende das Positive nur als Vision zul\u00e4sst: Zu sich und seiner sexuellen Orientierung zu stehen, dem Lockruf des Todes zu widerstehen, dem &#8222;Vermummten Herren&#8220; Wedekinds, der in der Inszenierung ein fr\u00f6hlicher Engel ist, wieder ins Leben zur\u00fcck zu folgen, &#8211; das alles bleibt vage angesichts der \u00dcbermacht des Unheils und der Ohnmacht der Figuren.<\/p>\n<p>Wie kommt man dem auf der B\u00fchne bei? Spielleiterin Evelin Wagner und ihre Gruppe w\u00e4hlten eine streng klassische Spielform, um die Stimmung des St\u00fcckes wiederzugeben: Es ist eine \u00fcberwiegend leise und intensive, voller melancholischer S\u00e4tze und mit vielen akzentuierenden Pausen. Die Bewegungen sind oft stilisiert und lassen in der Choreografie die Schauspieler immer wieder zu neuen Arrangements im Raum finden. Die B\u00fchne bestimmt ein klarer Schwarz-Wei\u00df-Kontrast, ansonsten bedarf es nichts weiter, um die Dilemmasituation zu versinnbildlichen. Es darf auch gerockt und getanzt werden, und das erinnert daran, dass viele der Wedekind-S\u00e4tze auch heute gesprochen werden k\u00f6nnten. Moderne Texterg\u00e4nzungen taten ein \u00dcbriges, um das St\u00fcck in unserer Zeit zu verankern.<\/p>\n<p>Die b\u00f6sesten, gef\u00fchllosesten S\u00e4tze kamen von den Erwachsenen und den Lehrern und sie wirkten umso intensiver, als sie von einem antikischen Chor gesprochen wurden (mit musterg\u00fcltiger Sprechdisziplin dargestellt von Sch\u00fclern der Klasse 5c), dessen rhythmisierender Ausdruck oft wirkte wie eine Peitsche.<\/p>\n<p>\u201eHier beginnt der Spa\u00df\u2026\u201c, stand auf Wendlas Ballon, doch das St\u00fcck war kein Spa\u00df. Der dichte Text, die offene Struktur, die nicht naturalistische Darbietungsform machten es dem Zuschauer nicht immer leicht. Aber das Leben ist kein Spa\u00df. Deswegen muss es das Theater auch nicht sein.<\/p>\n<p>Es spielten: Katharina Niedens (9d; Herr Gabor, Martha); Tom Otieno (10c; Melchior); Anna Schmidt (Q11; Moritz), Darleen Caudle (Q11 Frau Bergmann, Ilse, Otto); Sophia Ko\u00dfmann (Q11; H\u00e4nschen, Mutter Schmittin); Julia Sandner (Q11; Frau Gabor, Dr. Brausepulver); Meike Kratzer(Q11, Ernst R\u00f6bel, Vermummter Herr), Beate Guthmann (Q11, Wendla)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eHier beginnt der Spa\u00df\u201c, steht auf dem rosa Ballon, den Wendla in der Hand h\u00e4lt. 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