{"id":18662,"date":"2018-02-25T21:59:56","date_gmt":"2018-02-25T20:59:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/?p=18662"},"modified":"2019-05-21T22:41:52","modified_gmt":"2019-05-21T20:41:52","slug":"18662","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/?p=18662","title":{"rendered":"&#8222;Jeder Tag mit Drogen ist verschwendet.&#8220;"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_18663\" style=\"width: 460px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/17-18-Gott-im-Abseits-Gruppe-450.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-18663\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/17-18-Gott-im-Abseits-Gruppe-450.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"292\" class=\"size-full wp-image-18663\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/17-18-Gott-im-Abseits-Gruppe-450.jpg 450w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/17-18-Gott-im-Abseits-Gruppe-450-250x162.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-18663\" class=\"wp-caption-text\">Die achten Klassen befassten sich mit dem Thema &#8222;Drogen&#8220;.<\/p><\/div>\n<p>Jeder wei\u00df, dass Drogen gef\u00e4hrlich sind. Wie es sein kann, dass man trotzdem s\u00fcchtig wird, und was es hei\u00dft, s\u00fcchtig zu sein, wurde den achten Klassen unserer Schule beim diesj\u00e4hrigen Projekttag des RWG verdeutlicht.<\/p>\n<p>Als Saman, der jahrelang drogens\u00fcchtig war, von seinem Leben erz\u00e4hlt, wird es still im Zimmer. Seine &#8211; wie man sagt &#8211; \u201eDrogenkarriere\u201c ist typisch, aber sie aus seinem Mund zu h\u00f6ren, ist beklemmend und geht unter die Haut: Von seinen 36 Jahren sei er 18 drogens\u00fcchtig gewesen, l\u00e4nger als die Lebenszeit der Achtkl\u00e4ssler, zu denen er spricht, und er bereue jeden Tag davon: Die H\u00e4lfte seines Lebens, 18 Jahre, seien verloren und zwar unwiederbringlich. Es seien Jahre, in denen er nichts geschaffen habe, weil er nur die Drogen im Sinne gehabt habe. Weil er eigentlich ein feinsinniger Mensch ist, der Dramen schreibt, Theaterst\u00fccke inszeniert und Kafka gelesen hat, ist es f\u00fcr Saman schlimm, die H\u00e4lfte seines Lebens weggeworfen zu haben.<\/p>\n<p>Er wei\u00df noch genau den Tag, an dem alles angefangen habe: Es sei ein sonniger Tag gewesen. Er sei mit seinen Freunden auf dem Schulhof seines Gymnasiums im Iran gestanden (Saman ist in Persien aufgewachsen) und habe etwas Cannabis geraucht &#8211; einfach so und aus Spa\u00df. Und ein paar Tage sp\u00e4ter wieder. Und dann immer \u00f6fter. Und irgendwann sei er mitten drin gewesen &#8211; Opium &#8211; Crystal &#8211; das ganze Programm.<\/p>\n<p>Dass um ihn herum alles kaputt ging, habe er nicht mehr gemerkt. Die Familie ging immer mehr auf Distanz und lie\u00df ihn irgendwann links liegen. Freunde starben am Drogenkonsum, doch das sei ihm irgendwie egal gewesen: Die Gedanken drehen sich irgendwann nur noch um den Stoff. \u201eEin S\u00fcchtiger ist ein Egoist\u201c, sagt Saman, \u201eer denkt nur an sich.\u201c \u00dcber die Beschaffungskriminalit\u00e4t f\u00fchrte der Weg ins Gef\u00e4ngnis. \u201eWenn du das erste Mal erwischt wirst\u201c, erz\u00e4hlt er, \u201emacht dir das nicht viel aus: Unter dem Jugendstrafrecht passiert nicht viel. Dann kommt die Bew\u00e4hrungsstrafe, aber dann bist du irgendwann im Knast. Und auf Entzug.\u201c<\/p>\n<p>Aus der Sucht heraus fand er den Weg auf die Fazenda da Esperan\u00e7a. Der exotische Name klingt nach Sonne und Urlaub im S\u00fcden, ist aber in Wirklichkeit ein Bauernhof in der N\u00e4he von Kaufbeuren im Allg\u00e4u. Dort leben zurzeit zehn Menschen mit Suchtproblemen in Therapie.<\/p>\n<p>Das Konzept der Fazenda erkl\u00e4rt Luiz, der Leiter der Einrichtung. Sie lebt vom katholischen Glauben, ist aber eine unabh\u00e4ngige Einrichtung, die versucht, den suchtkranken Menschen einen inneren Halt zu geben, der es ihnen erm\u00f6glicht, sich gegen ihre Sucht zu behaupten. Nat\u00fcrlich ist der christliche Glaube f\u00fcr Luiz dabei eine wichtige St\u00fctze, denn er hilft, ein neuer Mensch zu werden, der Kraft aus dem Wort und der Gegenwart Gottes sch\u00f6pft. So steht es in den Flugschriften der Fazenda, die eine von sieben in Deutschland und eine von 125 in 17 Nationen weltweit ist. Luiz nimmt von diesen Worten an diesem Tag vor den Sch\u00fclern nicht viele in den Mund, obwohl er sein Leben ganz Gott geweiht hat und auf alles verzichtet, was ein normales, b\u00fcrgerliches Leben auszeichnet &#8211; Frau &#8211; Familie &#8211; einen b\u00fcrgerlichen Beruf, den er als gelernter Grafiker eigentlich leicht aus\u00fcben k\u00f6nnte. <\/p>\n<div id=\"attachment_18669\" style=\"width: 460px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/17-18-Gott-im-Abseits-Luiz-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-18669\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/17-18-Gott-im-Abseits-Luiz-2.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"308\" class=\"size-full wp-image-18669\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/17-18-Gott-im-Abseits-Luiz-2.jpg 450w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/17-18-Gott-im-Abseits-Luiz-2-250x171.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-18669\" class=\"wp-caption-text\">Luiz leitet die Einrichtung. Er sch\u00f6pft seine Kraft aus dem Glauben.<\/p><\/div>\n<p>Auch wenn Luiz spricht, h\u00f6rt man gebannt zu. Seine klare, feste Stimme tr\u00e4gt un\u00fcberh\u00f6rbar einen s\u00fcdamerikanischen Akzent, denn er kommt eigentlich aus Brasilien und lebt nun schon seit \u00fcber zehn Jahren in Deutschland. Wie die Fazenda helfen k\u00f6nne, wollen die Sch\u00fcler wissen. Indem sie eine Gemeinschaft stifte, hei\u00dft die Antwort, und so den Egoismus der Sucht zu \u00fcberwinden versuche. Deshalb werde gemeinsam gearbeitet, gekocht, gelebt. \u201eWer f\u00fcr einen anderen, dem es schlecht geht, morgens einmal das Bett macht oder die Arbeit \u00fcbernimmt, sp\u00fcrt einen Sinn in seinem Leben\u201c, sagt Luiz. Einen solchen Sinn zu sehen, sei wichtig, denn wer ihn sehe, brauche keine Flucht in die Drogen. <\/p>\n<p>\u201eSucht hat immer mit Sehnsucht zu tun,\u201c erkl\u00e4rt Luiz. Wer Drogen nehme, sei auf der Suche nach etwas, was er im Leben momentan nicht finde. Die Drogen w\u00fcrden zeitweise die Illusion von Gl\u00fcck und Zufriedenheit schaffen, die in Wirklichkeit aber nur eine kurzfristige Scheinbefriedigung sei, die, um sich einzustellen, nach immer h\u00f6heren Dosen an Drogen verlange. Um dem zu widerstehen, sei es wichtig, sich so zu akzeptieren, wie man sei: Jeder k\u00f6nne etwas, und wer sich dessen bewusst werde, brauche keine Flucht in Scheinwelten mehr. Er sei vielmehr f\u00e4hig, etwas zu tun und etwas zu schaffen. Arbeit sei deshalb f\u00fcr die Therapie in der Fazenda ganz wichtig &#8211; nicht als \u201eStrafe\u201c, sondern um jedem zu best\u00e4tigen, dass er etwas k\u00f6nne und es verstehe, sein Leben sinnvoll zu gestalten. Da die Einrichtung keine staatlichen Hilfen bekomme, trage jeder mit seiner H\u00e4nde Arbeit dazu bei, dass der Hof mit seinen Tieren und Werkst\u00e4tten jedem Einzelnen seinen Lebensunterhalt sichere. <\/p>\n<p>Zu dieser sinnvollen Gestaltung des Alltags geh\u00f6re auch, Verantwortung f\u00fcr andere zu \u00fcbernehmen. In der Fazenda lerne man, etwas f\u00fcr andere zu tun und f\u00fcr andere da zu sein. Dieses Gef\u00fchl von Gemeinschaft erf\u00fclle das Leben mit Sinn. Dazu komme die Spiritualit\u00e4t des Glaubes als dritte S\u00e4ule und zus\u00e4tzliches Angebot. Wer sein Leben w\u00e4hrend der Therapie so als sinnvoll wiederentdecke, schaffe es vielleicht, dem scheinbaren Gl\u00fccksversprechen der Drogen auch nach 12 Monaten zu widerstehen, wenn die Zeit an der Fazenda f\u00fcr den Einzelnen zu Ende gehe.<\/p>\n<p>Ob er noch an Drogen denke?, war eine der Sch\u00fclerfragen an Saman. \u201eJa\u201c, hie\u00df die ehrliche Antwort, \u201ejeden Tag\u201c, denn jeden Tag sp\u00fcre er, wie viel von seinem Leben er sinnlos und unwiederbringlich vergeudet habe. Warum man drogens\u00fcchtig werde? Er wisse es nicht &#8211; das Klischee vom Scheidungskind, das von einer Mutter aufgezogen wurde, die als Flugbegleiterin viel unterwegs gewesen sei, trage nicht, denn sein Bruder, der unter den gleichen Bedingungen gro\u00df geworden sei, habe nie etwas mit Drogen zu tun gehabt. \u201eAber er ruhte mehr in sich, er brauchte nicht st\u00e4ndig die Best\u00e4tigung der anderen.\u201c <\/p>\n<p>Wie man sich f\u00fchle, wenn man nicht helfen k\u00f6nne, wenn jemand r\u00fcckf\u00e4llig werde oder noch w\u00e4hrend der Therapie Kontakte mit Drogen habe, wurde Luiz gefragt. Es sei schwer, meinte der, aber wenn sich jemand v\u00f6llig verweigere, dann sei eine Therapie nicht m\u00f6glich. Besonders kritisch sah er Cannabis, eine Droge, von der man sagt, sie sei \u201eleicht\u201c und deren Legalisierung oft in den Raum gestellt werde: \u201eCannabis zerst\u00f6rt das Gehirn &#8211; am Ende bleibt nur die Psychiatrie.\u201c <\/p>\n<p>Wie erfolgreich die Einrichtung sei? Luiz berichtet, dass von seinen Jungs und denen auf den anderen Fazendas etwa 70 Prozent in den n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahren nach der Therapie \u201eclean\u201c blieben &#8211; das sei ein sehr guter Wert. Und wieso es nur M\u00e4nner auf der Fazenda gebe? Weil das Vertrauen, das es brauche, um \u00fcber h\u00f6chst pers\u00f6nliche Dinge wie eine Sucht offen zu sprechen, leichter entstehe, wenn es nicht durch Beziehungsprobleme \u00fcberlagert werde, hie\u00df die Antwort. Nat\u00fcrlich gebe es auch Fazendas f\u00fcr Frauen, aber dann eben nur f\u00fcr Frauen. \u00dcberhaupt sei Sucht vielschichtiger als man meine: Es gehe bei der Therapie auf den Fazendas nicht nur um Drogen, sondern auch um Magersucht, Spielsucht, Alkohol. <\/p>\n<p>Ob man sich auch selbst therapieren k\u00f6nne? Das sei &#8211; so die Erfahrung &#8211; kaum m\u00f6glich. Was einem aber keine Drogeneinrichtung abnehmen k\u00f6nne, sei der Entschluss, aus dem Drogendasein herauskommen zu wollen. \u201eDiesen Entschluss muss jeder selbst fassen, sonst kann man nicht helfen.\u201c Und was, wenn man merke, dass der Freund oder die Freundin drohe, s\u00fcchtig zu werden? \u201eMit den Leuten offen sprechen, auch mit Lehrern, auch mit der Polizei, denn nur so kann beim Betroffenen etwas ausgel\u00f6st werden,\u201c hie\u00df der gutgemeinte Rat.<\/p>\n<div id=\"attachment_18664\" style=\"width: 460px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/17-18-Gott-im-Abseits-Luiz.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-18664\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/17-18-Gott-im-Abseits-Luiz.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"314\" class=\"size-full wp-image-18664\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/17-18-Gott-im-Abseits-Luiz.jpg 450w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/17-18-Gott-im-Abseits-Luiz-250x174.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-18664\" class=\"wp-caption-text\">Christina Hertel (rechts) berichtet auf der Web-Seite &#8222;Gott im Abseits&#8220; \u00fcber die Fazenda.<\/p><\/div>\n<p>Geleitet wurde das Gespr\u00e4ch von Christina Hertel, Journalistin aus M\u00fcnchen, die unter dem Thema \u201eGott im Abseits\u201c \u00fcber das Suchtprojekt berichtet. <a href=\"https:\/\/gott-im-abseits.de\/\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">[mehr\u2026]<\/a> <\/p>\n<p>Wer sich \u00fcber das Projekt \u201eFazenda da Esperan\u00e7a\u201c informieren m\u00f6chte, kann das auf der Homepage der Einrichtung tun. <a href=\"http:\/\/www.fazenda.org.br\/alemanha\/\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">[mehr\u2026]<\/a> <\/p>\n<p>Luiz und Saman sind auf dem Gut Bickenried in Gemeinde Irsee bei Kaufbeuren zu Hause. Das Gut hat auch einen G\u00e4stebereich. Hier kann man einkehren oder auch eine Zeitlang wohnen, wenn man das Gut und das Projekt n\u00e4her kennenlernen m\u00f6chte. <a href=\"http:\/\/www.fazenda.org.br\/alemanha\/fazendas\/gut_bickenried.php\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">[mehr\u2026]<\/a> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeder wei\u00df, dass Drogen gef\u00e4hrlich sind. Wie es sein kann, dass man trotzdem s\u00fcchtig wird, und was es hei\u00dft, s\u00fcchtig zu sein, wurde den achten Klassen unserer Schule beim diesj\u00e4hrigen Projekttag des RWG verdeutlicht. Als Saman, der jahrelang drogens\u00fcchtig war, von seinem Leben erz\u00e4hlt, wird es still im Zimmer. 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