{"id":18445,"date":"2018-01-18T18:15:58","date_gmt":"2018-01-18T17:15:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/?p=18445"},"modified":"2019-11-19T15:53:14","modified_gmt":"2019-11-19T14:53:14","slug":"der-sturm-ist-wieder-weg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/?p=18445","title":{"rendered":"Der gro\u00dfe Sturm ist abgezogen"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_18446\" style=\"width: 460px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Hurrikan.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-18446\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Hurrikan.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"300\" class=\"size-full wp-image-18446\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Hurrikan.jpg 450w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Hurrikan-250x167.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-18446\" class=\"wp-caption-text\">Ein Hurrikan von oben<\/p><\/div>\n<p>Der gro\u00dfe Sturm, der einen schulfreien Nachmittag bescherte, hat, so scheint es, um Bayreuth einen Bogen gemacht. Wer das Wochenende zum Anlass f\u00fcr einige literarische Bew\u00e4ltigungsversuche nehmen m\u00f6chte, f\u00fcr den gibt es hier ein paar Inspirationen.<\/p>\n<p>Der Klassiker zum Thema tr\u00e4gt den Namen des Ereignisses schon im Titel: \u201eDer Sturm\u201c. Er sorgt daf\u00fcr, dass ein Schiff aus dem fernen Neapel kommend und das Meer \u00fcberquerend, scheitert. Shakespeare, der nie \u00fcbers Meer fuhr, hinterlie\u00df eine packende Szene eines Schiffsuntergangs:<\/p>\n<p><em>&#8222;Matrosen: Wir sind verloren! Betet! Sind verloren!<br \/>\nBootsmann: Was? M\u00fcssen wir ins kalte Bad?<br \/>\nGonzalo (ein ehrlicher alter Rat): Der Prinz und K\u00f6nig beten; tun wir\u2019s auch.<br \/>\nWir sind im gleichen Fall!&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Dass der Sturm nicht Schicksal ist, sondern von Prospero, dem Magier, aus kleinlichem Rachestreben, geschickt wurde, ahnen sie nicht. Sie d\u00fcrfen weiterleben und werden von Prospero, der meint, die Welt so einrichten zu k\u00f6nnen, wie er es f\u00fcr richtig h\u00e4lt, zu verdinglichten Opfern einer egoistischen Selbstgerechtigkeit. Die<em> \u201esch\u00f6ne, neue Welt\u201c,<\/em> die seine Tochter Miranda zu sehen meint, hat es in sich.<\/p>\n<p>Bertolt Brecht nutzt den Stum in seinem Lehrst\u00fcck &#8222;Der Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny&#8220; f\u00fcr eine seiner Gesellschaftsanalysen: Auf Mahagonny, die Goldstadt, zu der die Unzufriedenen aller Kontinente ziehen, denn<em> \u201eDort gibt es Fleischsalat \/ Und keine Direktion\u201c<\/em>, zieht ein gro\u00dfer Hurrikan zu, der alle verzweifeln l\u00e4sst:<\/p>\n<p><em>&#8222;Haltet euch aufrecht, f\u00fcrchtet euch nicht<br \/>\nBr\u00fcder, erlischt auch das irdische Licht<br \/>\nWollet nicht verzagen,<br \/>\nWas hilft alles Klagen&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Auf wundersame Weise macht der Hurrikan in letzter Minute einen Bogen um die Stadt, doch die Rettung enth\u00fcllt deren schlimmste Seite: <\/p>\n<p><em>&#8222;Erstens, vergesst nicht, kommt das Fressen<br \/>\nZweitens kommt der Liebesakt<br \/>\nDrittens das Boxen nicht vergessen<br \/>\nViertens Saufen, laut Kontrakt.<br \/>\nVor allem aber achtet scharf<br \/>\nDass man hier alles d\u00fcrfen darf.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>So hei\u00dft die neue Gesellschaftsordnung. Doch wer in Mahagonny dies mit der gro\u00dfen Freiheit verwechselt, sitzt einer Illusion auf, denn er merkt nicht, wie Brecht es zu wissen meint, dass es in der Gesellschaft nur ums Geld geht, das ihm aus der Tasche gezogen wird.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfen Notlagen k\u00f6nnen aber auch das Beste im Menschen zeigen und ihn zu gro\u00dfen Taten anspornen. Solche St\u00fcrme gibt es in Theodor Storms Novelle &#8222;Der Schimmelreiter&#8220;:<\/p>\n<p><em>&#8222;Eine furchtbare B\u00f6e kam br\u00fcllend vom Meer her\u00fcber, und ihr entgegen st\u00fcrmten Ross und Reiter den schmalen Akt zum Deich hinan. [\u2026] Den Reiter aber wollte es \u00fcberfallen, als sei hier alle Menschenmacht zu Ende; als m\u00fcsse jetzt die Nacht, der Tod, das Nichts hereinbrechen.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Diesem Nichts der Natur stellt der Schimmelreiter &#8211; <em>\u201eund wie ein Stolz flog es ihm durch die Brust\u201c <\/em>&#8211; seinen von ihm konstruierten Deich entgegen.<\/p>\n<p>Joseph Conrad, der englischsprachige Schriftsteller, der aus Polen kam, fuhr selbst zur See und kannte sich mit St\u00fcrmen aus. Von ihm stammt die Erz\u00e4hlung \u201eTaifun\u201c: Der eher sch\u00fcchterne Kapit\u00e4n McWirr kennt nur schweres Wetter, aber keinen echten Sturm. Als sein Schiff von einer schweren Kreuzd\u00fcnung durchgesch\u00fcttelt wird, studiert er sein Seehandbuch und f\u00e4hrt mitten ins das hinein, was sich vor ihm zusammenbraut: Alles andere hie\u00dfe dreihundert Meilen Umweg und &#8222;<em>eine sch\u00f6ne Kohlenrechnung extra&#8220;<\/em>. So f\u00e4hrt er hinein in die H\u00f6lle und mit ihm seine Ladung, dreihundert chinesische Lohnarbeiter, die im Laderaum eingepfercht sind.<\/p>\n<p>Wer zu diesen Sturmgeschichten die passende Musik sucht, der kann Richard Strauss \u201eAlpensinfonie\u201c (op. 64) einlegen: Nichts ist erhabener als einen Sturm in der Musik oder im Buch im sch\u00f6nen, warmen Wohnzimmer zu erleben.<\/p>\n<p>P.S.: Alle Texte bis auf Brecht sind schnell im Internet zug\u00e4nglich. Auch die &#8222;Alpensinfonie&#8220; kann man dort anh\u00f6ren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der gro\u00dfe Sturm, der einen schulfreien Nachmittag bescherte, hat, so scheint es, um Bayreuth einen Bogen gemacht. Wer das Wochenende zum Anlass f\u00fcr einige literarische Bew\u00e4ltigungsversuche nehmen m\u00f6chte, f\u00fcr den gibt es hier ein paar Inspirationen. Der Klassiker zum Thema tr\u00e4gt den Namen des Ereignisses schon im Titel: \u201eDer Sturm\u201c. 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