{"id":16850,"date":"2000-02-02T12:00:32","date_gmt":"2000-02-02T11:00:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/?p=16850"},"modified":"2023-12-04T16:00:46","modified_gmt":"2023-12-04T15:00:46","slug":"juedische-christliche-symbiose-1867-1933-ein-brief-des-rabbiners-dr-kusznitzki-aus-dem-jahr-1911","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/?p=16850","title":{"rendered":"J\u00fcdische-christliche Symbiose 1867-1933: Ein Brief des Rabbiners Dr. Kusznitzki aus dem Jahr 1911"},"content":{"rendered":"<p>Von 1867 bis 1938 besuchten nach heutiger Kenntnis 184 M\u00e4dchen j\u00fcdischen Glaubens die Schule. Die V\u00e4ter der Sch\u00fclerinnen waren Kaufm\u00e4nner, \u00c4rzte, Rechtsanw\u00e4lte, Bankiers und Handwerker: Vor allem das wohlhabende und bildungsbeflissene j\u00fcdische B\u00fcrgertum aus Bayreuth und Oberfranken und schickte seinen weiblichen Nachwuchs an die &#8222;T\u00f6chterschule&#8220;. Einige der M\u00e4dchen kamen aus Ulm, Braunschweig, M\u00fcnchen oder Heilbronn und lebten in Bayreuth in Pension.<\/p>\n<p>Dies belegt, dass die Schule bei den j\u00fcdischen Familien einen durchaus guten Ruf gehabt haben muss. Es war selbstverst\u00e4ndlich, dass,\u00a0neben den protestantischen und katholischen Religionslehrern und Pfarrern f\u00fcr die christlichen Sch\u00fcler, f\u00fcr diese wichtige Sch\u00fclergruppe ebenfalls Rabbiner und Lehrer angestellt waren, die in der &#8222;israelitischen Religion&#8220; unterwiesen, wie es die Jahresberichte stets vermerkten. Geisteskrankheiten wie Antisemitismus und Judenfeindlichkeit konnten sicherlich auch den Lehrern und Sch\u00fclern nicht verborgen bleiben, aber an der Schule spielten sie bis 1933 keine Rolle. In den Unterlagen des Schularchivs finden sich keine Belege f\u00fcr irgendwelche antisemitischen Vorf\u00e4lle. Die Erinnerungen von Sch\u00fclerinnen belegen zudem, das sie offenbar v\u00f6llig ungezwungen miteinander umgingen: F\u00fcr die Freundschaften und die Rivalit\u00e4ten war die Religionszugeh\u00f6rigkeit ohne Bedeutung, damals wie heute, es sei denn, die Kinder und Jugendlichen werden von der &#8222;erwachsenen&#8220; Umwelt aufgewiegelt.<\/p>\n<p>Ein bewegendes Beispiel f\u00fcr diese eintr\u00e4chtige Symbiose ist ein Schreiben des Rabbiners Dr. Kusznitzki, der von 1880 bis 1911 als Rabbiner an der T\u00f6chterschule unterrichtete. Er bedankt sich in dem Brief vom 20.10.1911 beim Schulleiter sowie beim &#8222;geehrten Lehrerkollegium&#8220; f\u00fcr die &#8222;wohlwollende Beurteilung seiner Lehrt\u00e4tigkeit&#8220; und die vielen guten W\u00fcnsche, die ihm nun, anl\u00e4sslich des Antritts des Ruhestands, erreichten. Er werde stets an seine Zeit an der Schule zur\u00fcckdenken und hoffe auch weiterhin auf Nachrichten von ihrem weiteren &#8222;Bl\u00fchen und Gedeihen&#8220;.<\/p>\n<p>Dr. Salomon Kusznitzki wurde am 19. Januar 1846 in Kempen bei Posen geboren und verstarb am 28. Juni 1917. Er machte das Abitur in Breslau, wo er auch Theologie studierte. Von 1874 bis 1880 war er Rabbinatsassessor des Landesrabbiners Levi Herzfeld und Leiter der Religionsschule in Braunschweig. Von M\u00e4rz 1880 bis zum Ruhestand im September 1911 arbeitete er Rabbiner in Bayreuth, wo er auch an der T\u00f6chterschule unterrichtete. Als Rabbiner war er auch an anderen Orten in Nordbayern t\u00e4tig. Seinen Lebensabend verbrachte er in Breslau. Er war verheiratet mit Auguste, geborene L\u00f6wenheim. Aus der Ehe gingen ein Sohn und zwei T\u00f6chter hervor, C\u00e4cilie und Recha, die ebenfalls zwischen 1890 und 1898 beim Herrn Papa an der M\u00e4dchenschule waren. Das Schicksal des Bruders und von C\u00e4cilie ist unbekannt. Recha wurde im M\u00e4rz 1943 von Breslau nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.<br \/>\nKusznitzkis Nachfolger als Rabbiner in Bayreuth und Religionslehrer an der M\u00e4dchenschule war ab 1912 Dr. Benjamin Falk Felix Salomon. Die j\u00fcdische Gemeinde Bayreuth und ihr Rabbinat musste 1936 aufgel\u00f6st werden, 1938 wurde Salomon in das KZ Dachau gebracht. Noch im Juli 1939 konnte er nach England emigrieren. Er kam 1940 bei einem Bombenangriff auf London ums Leben.<\/p>\n<div style=\"transform: rotate(0deg); margin:3px; padding: 20px; box-shadow: 3px 5px 10px gray; border: 1px solid #cccccc;\"><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/kusznitzki_brief_1911_900_scharf.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-16853\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/kusznitzki_brief_1911_900_scharf.jpg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"1284\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/kusznitzki_brief_1911_900_scharf.jpg 900w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/kusznitzki_brief_1911_900_scharf-315x450.jpg 315w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/kusznitzki_brief_1911_900_scharf-768x1096.jpg 768w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/kusznitzki_brief_1911_900_scharf-718x1024.jpg 718w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/kusznitzki_brief_1911_900_scharf-250x357.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><\/div>\n<p style=\"text-align: right; color: gray;\">Brief des Rabbiners Dr. Kusznitzki von 1911<\/p>\n<p><em>Breslau, 20. Oktober 1911<\/em><\/p>\n<p><em>Euer Hochwohlgeboren<br \/>\nund dem geehrten Lehrerkollegium der h\u00f6heren T\u00f6chterschule in Bayreuth f\u00fchlt sich der ergebenst Unterzeichnete zu aufrichtigen Dank verpflichtet f\u00fcr die wohlwollende Beurteilung seiner Lehrt\u00e4tigkeit, sowie f\u00fcr die W\u00fcnsche in Bezug auf den durch die g\u00fctige Vorsehung ihm beschiedenen Lebensabend.<\/em><\/p>\n<p><em>War ich mir der Ehre bewu\u00dft, inmitten eines so pflichtgetreuen und hochgeachteten Lehrk\u00f6rpers (zu lehren) zu lehren und zur ethischen Erziehung und Heranbildung der ihm anvertrauten Jugend beizutragen, so werde ich der Zeit meines Wirkens an der T\u00f6chterschule stets eingedenkt bleiben und mit gro\u00dfem Interesse das weitere Gedeihen und Bl\u00fchen derselben von Zeit zu Zeit vernehmen.<\/em><\/p>\n<p><em>Mit innigen Gr\u00fc\u00dfen und wahrer Hochsch\u00e4tzung<br \/>\nverharre ich als<br \/>\nEuer hochwohlgebornen<br \/>\nganz ergebener<br \/>\nDr. Kusznitzki<br \/>\nFreiburgerstr.32<\/em><\/p>\n<p><em>Dem Kollegium zur Kenntnis<br \/>\nB. 23.X.11 Ke\u00dfelring<\/em><br \/>\n<em><br \/>\nGel. V\u00f6lk<br \/>\nGallenberg<br \/>\nDr. Kurz<br \/>\nDr. Scheidel<br \/>\nWotschack<br \/>\nAign<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von 1867 bis 1938 besuchten nach heutiger Kenntnis 184 M\u00e4dchen j\u00fcdischen Glaubens die Schule. Die V\u00e4ter der Sch\u00fclerinnen waren Kaufm\u00e4nner, \u00c4rzte, Rechtsanw\u00e4lte, Bankiers und Handwerker: Vor allem das wohlhabende und bildungsbeflissene j\u00fcdische B\u00fcrgertum aus Bayreuth und Oberfranken und schickte seinen weiblichen Nachwuchs an die &#8222;T\u00f6chterschule&#8220;. 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