{"id":16489,"date":"2000-02-12T04:30:54","date_gmt":"2000-02-12T03:30:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/?p=16489"},"modified":"2017-07-20T07:59:19","modified_gmt":"2017-07-20T05:59:19","slug":"n-alle-die-welche-es-angeht-ein-schulleiter-greift-1953-durch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/?p=16489","title":{"rendered":"&#8222;An alle die, welche es angeht&#8220;: Ein Schulleiter greift durch"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_16500\" style=\"width: 460px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/lehrerkollegium_1950_450.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-16500\" class=\"size-full wp-image-16500\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/lehrerkollegium_1950_450.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"323\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/lehrerkollegium_1950_450.jpg 450w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/lehrerkollegium_1950_450-250x179.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-16500\" class=\"wp-caption-text\">Das Lehrerkollegium im Jahr 1950<\/p><\/div>\n<p>Zucht! Und Ordnung! Es versteht sich, dass diese Werte, die bis heute den Schulalltag heiligen, nicht nur von den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern, sondern auch von jedem einzelnen Lehrk\u00f6rper verinnerlicht werden m\u00fcssen. Um so mehr stie\u00df es Schulleiter Gl\u00f6ckl sauer auf, dass im Jahre 1953 &#8211; also in jener heute bisweilen sehnsuchtsvoll beschworenen Nachkriegszeit, als die Welt noch in Ordnung war (nach einigen eher unerfreulichen Vorkommnissen in j\u00fcngster Vergangenheit, die man tunlichst verdr\u00e4ngte) &#8211; an seiner Schule Liederlichkeit und Pflichtvergessenheit um sich zu greifen drohten.<\/p>\n<p>Unverzeihliches war geschehen. Der ebenso detailverliebte wie arbeitssame Schulleiter pflegte fast w\u00f6chentlich (!) eine &#8222;Lehrerratssitzung&#8220; einzuberufen, in der er liebevoll das versammelte Kollegium \u00fcber die neuesten dienstlichen Obliegenheiten informierte, mit fester Stimme die aktuellen kultusministeriellen Schreiben verlas, die Anwesenden \u00fcber die aktuellen Weltbegebenheiten aufkl\u00e4rte und auf drohendes Unbill wie auf hoffnungsvolle Entwicklungen hinwies. Diese Sitzungen pflegten nachmittags um drei Uhr zu beginnen und gelegentlich erst nach 20 Uhr oder noch sp\u00e4ter im Dienstzimmer zu enden. Auf diese Weise trieb er das komplette Kollegium buchst\u00e4blich in den Wahnsinn.<\/p>\n<p>Wie reagieren? Bei den anwesenden Lehrern handelte es sich meist um \u00e4ltere Herren, die in den Kriegszeiten die hohe Kunst des Schlafens mit offenen Augen gelernt hatten. Manchen war daher die L\u00e4nge der Sitzungen egal, falls man nicht Wichtiges zu erledigen hatte. Bei den Lehrerinnen verhielt es sich anders, da sich der weibliche Schaffensdrang und eine gewisse geschlechtsspezifische Nervosit\u00e4t nicht in das Unvermeidliche schicken wollten und die Kolleginnen offenbar nicht bereit waren, der Suada des Schulleiters and\u00e4chtig-endlos zu lauschen.<\/p>\n<p>Also positionierten sich die Damen eher auf den hinteren Pl\u00e4tzen und stellten die Aktentaschen vor sich auf den Tischen auf. Und w\u00e4hrend vorne das Gemurmel des Direktors erklang, entfaltete sich hinter den Taschen ein emsiges Treiben: Hefte wurden korrigiert, Romane verschlungen, Butterbrote ausgepackt, Zeitungen durchgebl\u00e4ttert und, so der Schulleiter sp\u00e4ter, allerlei anderes &#8222;getrieben&#8220;. Vor allem erdr\u00f6hnte das Geklapper der Stricknadeln immer lauter, bis schlie\u00dflich sogar der in seine dienstlichen Anstrengungen vertiefte Schulleiter aufmerksam wurde und, stark kurzsichtig, die Anwesenden misstrauisch musterte.<\/p>\n<p>Ohnehin hatte es in j\u00fcngster Zeit an seiner Anstalt unliebsame Vorf\u00e4lle gegeben. Besonders einige der j\u00fcngeren Kolleginnen zeigten sich immer renitenter. Wie sich eine Zeitzeugin erinnert, nahm er einmal in der Pause eine der jungen Damen auf dem Lehrergang ins Gebet, um ihr einige dienstliche Weisheiten zu vermitteln. Die junge Frau reagierte auf emp\u00f6rende Weise: Sie gab eine schnippische Antwort, drehte sich um und rannte davon! &#8211; An eine Verfolgung war f\u00fcr den eher bed\u00e4chtigen und leibstarken Schulleiter nicht zu denken, der jedoch wutentbrannt den Kavalier verleugnete und der Dame einen Apfelbutzen hinterherschleuderte, den er als \u00dcberrest seines Pausenverzehrs noch in der Hand hielt. (Aus heutiger Sicht mag dies fast schon den Eindruck des Gewaltt\u00e4tigen erwecken, damals war man noch nicht so empfindlich: Der Schulleiter pflegte die jungen Kolleginnen ohnehin gern \u00f6ffentlich als &#8222;junges Gem\u00fcse&#8220; zu bezeichnen, und mit Kraut und R\u00fcben wurde offenbar nicht viel Federlesens gemacht.)<\/p>\n<p>Die Vorg\u00e4nge w\u00e4hrend der Lehrerratssitzungen brachten das Fass jedoch zum \u00dcberlaufen. Der Direktor konstatierte einen emp\u00f6renden Mangel an Schulzucht, insbesondere bei den Lehrerinnen, den er umgehend in einem seiner legend\u00e4ren Rundschreiben unnachsichtig gei\u00dfelte. W\u00e4hrend er sich auf den Sitzungen &#8222;um Existentfragen (sic) der gesamten Anstalt&#8220; bem\u00fchte, trieben die jungen Frauen ihr Allotria -! Abgr\u00fcnde taten sich auf, schwerste dienstliche Verfehlungen deuteten sich an, deren weiteres Vorkommen Eingang in die &#8222;Personalakten&#8220; finden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Ja, so m\u00fcssen sie gewesen sein, die goldenen f\u00fcnfziger Jahre. Es waren noch patriarchalische Zeiten, und die Herren Lehrer, die soeben noch ganz Europa mit Krieg \u00fcberzogen hatten, wollten sich verst\u00e4ndlicherweise nun mal etwas ausruhen und sehnten sich nach der \u00dcbersichtlichkeit und Ordnung der guten alten Zeit.<\/p>\n<div id=\"attachment_16492\" style=\"width: 610px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Gloeckel_1953_600.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-16492\" class=\"size-full wp-image-16492\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Gloeckel_1953_600.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Gloeckel_1953_600.jpg 600w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Gloeckel_1953_600-395x450.jpg 395w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Gloeckel_1953_600-250x285.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-16492\" class=\"wp-caption-text\">Der Schulleiter greift durch<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zucht! 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