{"id":16168,"date":"2000-02-20T12:00:12","date_gmt":"2000-02-20T11:00:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/?p=16168"},"modified":"2017-08-06T20:11:04","modified_gmt":"2017-08-06T18:11:04","slug":"1968-oder-die-jahre-der-turbulenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/?p=16168","title":{"rendered":"&#8222;68&#8220; oder Die Jahre der Turbulenz"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_16171\" style=\"width: 460px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/kinderkreuzzug_rororo-e1498215594527.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-16171\" class=\"wp-image-16171 size-full\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/kinderkreuzzug_rororo-e1498215594527.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"750\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-16171\" class=\"wp-caption-text\">Kinderkreuzzug oder Beginnt die Revolution in den Schulen? Hg. von G\u00fcnter Amendt. rororo aktuell 1968 (Schularchiv RWG)<\/p><\/div>\n<p>Unter der Chiffre &#8222;68&#8220; ging ein Jahr in die Geschichtsb\u00fccher ein, in dem viele Entwicklungen, die sich in den Jahren vorher schon angebahnt hatten, schlie\u00dflich zum Durchbruch gelangten. In (West-)Deutschland kam es, angef\u00fchrt von der Studentenschaft, zur offenen Rebellion gegen die restaurativen Strukturen der Nachkriegsgesellschaft, zum Aufstand gegen eine rigide und fr\u00f6mmlerische Moral, zum Protest gegen autorit\u00e4re Strukturen und zur Emp\u00f6rung \u00fcber die Verdr\u00e4ngung der nationalsozialistischen Vergangenheit und ihrer Verbrechen. Aber &#8222;68&#8220; war auch ein internationaler Vorgang: In den USA erfolgte der Aufstand gegen den Vietnamkrieg und die schwarze B\u00fcrgerrechtsbewegung entstand, in der benachbarten \u010cSSR brach der &#8222;Prager Fr\u00fchling&#8220; aus und wurde niedergeschlagen, weitere Proteste gab es in Frankreich, Polen, Mexiko und in Japan.<\/p>\n<p>Aber &#8222;68&#8220; umfasst noch mehr. Es war auch eine kulturelle und gesellschaftliche Wende: Der westlich-amerikanische Geschmack und Lebensstil, bewundert seit Kriegsende, setzte sich nun in Westdeutschland endg\u00fcltig durch und dominierte von nun an die Lebenswelt. Pop-Kultur und Coolness pr\u00e4gten nun das Leben vor allem der jungen Menschen, und nun wollten eigentlich alle &#8222;jung&#8220; sein: Das Alter verlor seine bisherige Geltung wie seinen Einfluss. Und &#8222;68&#8220; war auch eine wirtschaftliche Revolution: Die Knappheit der Nachkriegszeit war (vorerst) endg\u00fcltig \u00fcberwunden, ein konsumorientierter Lebensstil konnte sich entfalten, das eigene Haus, das eigene Auto und die Urlaubsreise wurden zu g\u00e4ngigen materiellen Zielen und Statussymbolen. Vor dem Hintergrund der neuen Sekurit\u00e4t galten nun &#8222;Selbstentfaltung&#8220; und &#8222;Selbstverwirklichung&#8220; als erstrebenswerte Ideale, die nun auch auf ihre Realisierung durch die Politik dr\u00e4ngten. Bis heute sorgen die Entwicklungen und Ereignisse von &#8222;68&#8220; f\u00fcr Diskussionen, die 68er-Generation wird auch f\u00fcr &#8222;Bildungsnotst\u00e4nde&#8220; und &#8222;Werteverluste&#8220; verantwortlich gemacht. Aber man kann es drehen und wenden wie man will: Damals, &#8222;1968&#8220;, entstand auch in der Bundesrepublik die moderne Gesellschaft und das moderne Lebensgef\u00fchl.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re allerdings vermessen zu behaupten, dass nun ausgerechnet im beschaulichen Bayreuth und an seinem damaligen M\u00e4dchengymnasium pl\u00f6tzlich die Weltrevolution ausgebrochen w\u00e4re. Zu den Turbulenzen kam es in der Bundesrepublik vor allem in den Gro\u00dfst\u00e4dten, speziell in den Universit\u00e4tsst\u00e4dten. Aber die Ausl\u00e4ufer des Gewitters erreichten auch die fr\u00e4nkische Kleinstadt. Die Universit\u00e4t (mit potentiell revoluzzerhaften Studenten und Professoren) \u00f6ffnete erst 1972 ihre Pforten, aber es bestand bereits die P\u00e4dagogische Hochschule Bayreuth, bei der man umst\u00fcrzlerische Bestrebungen unterstellen konnte. Und an den weiterf\u00fchrenden Schulen, besonders an den Gymnasien, wurden die Haare (der Jungen und M\u00e4dchen) l\u00e4nger, die R\u00f6cke (der M\u00e4dchen) k\u00fcrzer, und ganz kurz wurde nach Meinung mancher traditionsverhafteter Lehrer der Verstand, weshalb neumodische Ansichten und vorlaute Kritik aufkommen konnten. Im Schularchiv des RWG sind viele Zeugnisse aus dieser Zeit erhalten, vor allem Rundschreiben und Flugbl\u00e4tter, die von der damaligen allgemeinen Aufregung Zeugnis geben. So fanden schon 1966 und 1967 Zeitungsberichte besondere Beachtung und wurden archiviert, in denen der Sinn des Religionsunterrichts und die Berechtigung eines Abiturfachs Religion angezweifelt wurden. In den folgenden Jahren tauchten Flugbl\u00e4tter auf (und wurden sorgsam abheftet), die sich gegen den Vietnam-Krieg aussprachen oder in denen &#8222;reaktion\u00e4re&#8220; \u00c4u\u00dferungen des bayerischen Kultusministers Huber s\u00fcffisant kommentiert wurden. Streitschriften von ausw\u00e4rtigen Sch\u00fcler- und Studentengruppen wurden ebenso penibel verwahrt.<\/p>\n<p>Den H\u00f6hepunkt aller Umtriebe markierte jedoch die Gr\u00fcndung eines &#8222;Republikanischen Clubs&#8220; (RC) in Bayreuth, zu dem es am 23. November 1968 schlie\u00dflich auch kam. Das Vorbild war der gleichnamige Club in Berlin, ein Verein der au\u00dferparlamentarischen Opposition (APO), die so ihre Ziele au\u00dferhalb der Universit\u00e4t vertreten wollte. Der RC Berlin hatte sich im Sinne einer Propagierung linksrevolution\u00e4rer Anliegen auch eine &#8222;Demokratisierung der Schule&#8220; zum Ziel gesetzt. Die Bayreuther Lehrer- und Direktorenschaft war alarmiert! Die Sympathisanten des zu gr\u00fcndenden RC Bayreuth starteten zudem an den hiesigen Schulen eine Flugblatt-Aktion, die provozieren und die Sch\u00fclerschaft auf den kommenden Gr\u00fcndungsakt in der Gastst\u00e4tte Weigand (&#8222;Nebenzimmer&#8220;) aufmerksam machten sollte: &#8222;Alle Lehrer sind Papiertiger! Kommt in die Dressurschule des Republikanischen Clubs!&#8220; &#8211; Die Schulleiter bewahrten beim Rauschen der Flugbl\u00e4tter dann aber \u00fcberwiegend die Ruhe. Insbesondere Schulleiter Hopf war vollkommen gefasst, verleugnete wie immer keinen Augenblick den Kavalier und diskutierte vor dem M\u00e4dchengymnasium sogar mit den Verteilern der Schriften.<\/p>\n<div id=\"attachment_16174\" style=\"width: 558px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/flugblatt_papiertiger_1968.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-16174\" class=\"size-full wp-image-16174\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/flugblatt_papiertiger_1968.jpg\" alt=\"\" width=\"548\" height=\"867\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/flugblatt_papiertiger_1968.jpg 548w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/flugblatt_papiertiger_1968-284x450.jpg 284w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/flugblatt_papiertiger_1968-250x396.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 548px) 100vw, 548px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-16174\" class=\"wp-caption-text\">Die &#8222;Bayreuther Nachrichten&#8220; am 22. November 1968 \u00fcber das Flugblatt<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_16185\" style=\"width: 648px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/flugblatt_papiertiger_reaktion_1968-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-16185\" class=\"wp-image-16185 size-full\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/flugblatt_papiertiger_reaktion_1968-1.jpg\" alt=\"\" width=\"638\" height=\"887\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/flugblatt_papiertiger_reaktion_1968-1.jpg 638w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/flugblatt_papiertiger_reaktion_1968-1-324x450.jpg 324w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/flugblatt_papiertiger_reaktion_1968-1-250x348.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 638px) 100vw, 638px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-16185\" class=\"wp-caption-text\">Bericht vom 22. November 1968 \u00fcber die Verteilung des Flugblatts am RWG<\/p><\/div>\n<p>Einen ersten vorl\u00e4ufigen Abschluss fanden die Turbulenzen dann mit einem Treffen von Schulleitern von Gymnasien in Bamberg, Forchheim und H\u00f6chst\u00e4dt, an dem auch &#8222;Herr Landgerichtspr\u00e4sident Dotterweich&#8220; und &#8222;Herr Dekan Dr. Schlichting&#8220; teilnahmen und das am 6. Februar 1969 stattfand. Auf dem Treffen wurde zuerst das Buch &#8222;Kinderkreuzzug&#8220; aus der Reihe &#8222;rororo aktuell&#8220; er\u00f6rtert (die Reihe mit dem giftigen roten Umschlag), das offenbar erhebliche Beunruhigung ausgel\u00f6st hatte. (Ein Exemplar des Buches ist noch im Archiv des RWG vorhanden.) Die Herren (es waren nur Herren) zeigten sich sodann nach einer im Schularchiv erhaltenen Mitschrift dar\u00fcber besorgt, dass offenbar Studenten aus Bamberg und Erlangen einen verderblichen Einfluss auf ihre Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler aus\u00fcbten. Bis zu zehn Prozent der Sch\u00fclerschaft sei zu allerlei revolution\u00e4ren Aktionen bereit. Andererseits beruhigte jedoch, dass es &#8222;noch&#8220; keine gewaltsamen Vorg\u00e4nge gebe. Allerdings war es schon in Bamberg anl\u00e4sslich eines Gerichtsverfahrens gegen Studenten und Sch\u00fcler zu &#8222;unliebsamen Vorkommnissen&#8220; gekommen, bei denen auch &#8222;die W\u00fcrde des Gerichts&#8220; gelitten hatte. \u00dcberhaupt werde nun deutlich, &#8222;welches Unheil Marcuse, Adorno u. a. angerichtet haben.&#8220; Allerdings mussten die Schulleiter auch einr\u00e4umen, &#8222;da\u00df die Liste der radikalen Forderungen auch W\u00fcnsche enth\u00e4lt, die die Zustimmung aller Sch\u00fcler finden. Weiterhin ist nicht zu leugnen, dass Schulsystem und Schulordnung nicht so sind, da\u00df der Durchschnittssch\u00fcler sie verteidigen wird.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_16178\" style=\"width: 726px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/versammlung_direktoren_1969.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-16178\" class=\"size-full wp-image-16178\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/versammlung_direktoren_1969.jpg\" alt=\"\" width=\"716\" height=\"456\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/versammlung_direktoren_1969.jpg 716w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/versammlung_direktoren_1969-450x287.jpg 450w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/versammlung_direktoren_1969-250x159.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 716px) 100vw, 716px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-16178\" class=\"wp-caption-text\">Mitschrift (Einleitung) des Treffens der Schulleiter 1969<\/p><\/div>\n<p>F\u00fcnfzig (!) Jahre nach 1968 sind viele Aktivit\u00e4ten der damaligen Lehrer, Sch\u00fcler und Studenten nur noch mit einer gewissen historischen Bem\u00fchtheit zu verstehen. Vor allem verbl\u00fcfft heute die Sicherheit aller damaligen Akteure: Die progressiven wie die r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten Kr\u00e4fte wussten auf ihre Weise jeweils genau, was richtig und was falsch ist und wo es langgehen sollte. Diese Sicherheit ist mittlerweile abhanden gekommen. Und auch wenn man heute wei\u00df, dass bald nach 1968 wieder eine &#8222;bleierne Zeit&#8220; einsetzte und dass, so die Lehre von 1989, bei allen revolution\u00e4ren Bestrebungen ein starkes Misstrauen angebracht ist, so muss man doch auch zugeben, dass die Jugend von 1968 auch ihre Ideale hatte. Und nicht allen Idealen seiner Jugend sollte man, so Friedrich Schiller, untreu werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter der Chiffre &#8222;68&#8220; ging ein Jahr in die Geschichtsb\u00fccher ein, in dem viele Entwicklungen, die sich in den Jahren vorher schon angebahnt hatten, schlie\u00dflich zum Durchbruch gelangten. 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