{"id":15868,"date":"2000-02-03T02:00:41","date_gmt":"2000-02-03T01:00:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/?p=15868"},"modified":"2017-08-06T18:42:26","modified_gmt":"2017-08-06T16:42:26","slug":"schlenkernde-handbewegungen-undeutliche-laute-die-ns-grussordnung-von-1942","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/?p=15868","title":{"rendered":"&#8222;Schlenkernde Handbewegungen, undeutliche Laute&#8220;: Die NS-Gru\u00dfordnung von 1942"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_15888\" style=\"width: 460px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Dictator_charlie2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-15888\" class=\"size-full wp-image-15888\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Dictator_charlie2.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"303\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Dictator_charlie2.jpg 450w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Dictator_charlie2-250x168.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-15888\" class=\"wp-caption-text\">Charlie Chaplin als Anton Hynkel 1940 in &#8222;Der gro\u00dfe Diktator&#8220;. Bildquelle: https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Dictator_charlie2.jpg &#8211; Public domain\/gemeinfrei<\/p><\/div>\n<p>Fr\u00fchjahr 1942: Das &#8222;Dritte Reich&#8220; n\u00e4hrte sich langsam dem H\u00f6hepunkt seiner Machtausdehnung. Aber nun gab es auch R\u00fcckschl\u00e4ge, denn der Feldzug im Osten war gr\u00fcndlich schiefgegangen, die Einnahme von Moskau war gescheitert und die ruhmreichen deutschen Truppen lagen unter horrenden Verlusten in Eis und Schnee fest. Aber man konnte hoffen, dass in diesem Fr\u00fchjahr das &#8222;Kriegsgl\u00fcck&#8220; den eigenen Waffen wieder hold sein w\u00fcrde. Bekanntlich w\u00e4re es dann auch fast so gekommen.<\/p>\n<p>Allerdings durfte nun der Kampfeswille nicht nachlassen. Aber hier war dem Schulleiter zu seinem Leidwesen Schmerzliches aufgesto\u00dfen. Bereits im Winter 1941 hatten n\u00e4mlich zwei Ministerialr\u00e4te die Schule visitiert, und dabei muss es zu unangenehmen Vorhaltungen gekommen sein. Zudem hatten die eigenen &#8222;langj\u00e4hrigen Erfahrungen und Beobachtungen&#8220; den Direktor auf peinliche Vorg\u00e4nge aufmerksam gemacht, wie er in einem Rundschreiben an das Kollegium feststellen musste. Hier galt es einzuschreiten: Verfallserscheinungen durften nicht geduldet werden, die Moral der Truppe musste unnachsichtig hochgehalten werden!<\/p>\n<p>Worum ging es, war war Schreckliches geschehen? An sich waren es Vorf\u00e4lle, die auch heute jede Lehrerin und jeder Lehrer kennt: Die damaligen Sch\u00fclerinnen nahmen es mit dem Gr\u00fc\u00dfen nicht so genau. Schon aus Gr\u00fcnden der Selbstachtung betrachten auch heute einige Sch\u00fcler bisweilen lieber intensiv den Boden oder die Decke, anstatt den manchmal durchaus freundlichen Gru\u00df einer Lehrkraft zu erwidern. Andere sind offenbar mit den b\u00fcrgerlichen Gru\u00dfritualen nicht oder noch nicht vertraut, einige verraten durch ein Kr\u00e4chzen mehr oder wenig deutlich artikulierter Laute eine erfrischende Unkenntnis der \u00fcblichen Gru\u00dfworte. (Fairerweise muss man zugeben, dass bisweilen auch Lehrerinnen und Lehrer gru\u00dflos an ihren Mitmenschen vorbeihasten.)<\/p>\n<p>Im Dritten Reich stellte sich die Sache allerdings etwas sch\u00e4rfer und unangenehmer dar. Seit der &#8222;Machtergreifung&#8220; 1933 galt der &#8222;Deutsche Gru\u00df&#8220; oder &#8222;Hitlergru\u00df&#8220; als Zeichen einer wahrhaft v\u00f6lkischen Gesinnung und sollte als Bekenntnis zum NS-Regime auf zackige und gesinnungst\u00fcchtige Weise laut und demonstrativ ausgebracht werden. Die Nazis registrierten zudem genau, ob sich jemand durch ein auff\u00e4lliges &#8222;Gr\u00fc\u00df Gott&#8220; oder &#8222;Guten Tag&#8220; von der Volksgemeinschaft absetzte oder, noch schlimmer, den Gru\u00df durch Verballhornungen sch\u00e4ndete: &#8222;Hei-tler!&#8220; &#8211; &#8222;Heil du ihn!&#8220; Aus \u00e4hnlich sinnigem Grund war der Hitlergru\u00df auch in der Faschingszeit oder bei humoristischen Veranstaltungen zu unterlassen.<\/p>\n<p>Der Direktor der Oberschule f\u00fcr M\u00e4dchen in Bayreuth nahm sich der Angelegenheit ohnehin mit wahrem Biereifer an. Und so erlie\u00df er umgehend am 8. Januar 1942 eine speziell auf seine Schule zugeschnittene &#8222;Gru\u00dfordnung&#8220;, die allen diesbez\u00fcglichen Laxheiten den Garaus machen sollte. Die Lehrkr\u00e4fte wurden verdonnert die Ordnung selbst genau einzuhalten und auf die gewissenhafteste Ausf\u00fchrung bei den Sch\u00fclerinnen zu dringen.<\/p>\n<p>Darin wurde penibel festgelegt, dass im Schulhaus, aber auch in der \u00d6ffentlichkeit der &#8222;Deutsche Gru\u00df&#8220; zur Anwendung gebracht werden sollte, der vorschriftsm\u00e4\u00dfig &#8222;mit erhobenem rechtem Arm&#8220; exekutiert werden sollte. Besonders verhasst waren dem Direktor etwaige &#8222;schlenkernde Handbewegungen&#8220;, also Verrenkungen, wie sie 1940 Charlie Chaplin alias Anton Hynkel in &#8222;Der gro\u00dfe Diktator&#8220; vorf\u00fchrte. (Der Film wurde im Deutschen Reich verst\u00e4ndlicherweise nicht aufgef\u00fchrt.) Gro\u00dfen Wert legte der Schulleiter auch darauf, dass der Gru\u00df &#8222;anst\u00e4ndig&#8220; gesprochen wurde &#8222;und nicht zu einigen unverst\u00e4ndlichen Lauten entartet&#8220;. \u00dcberhaupt sollte die ganze Gr\u00fc\u00dferei &#8222;stramm&#8220; erfolgen, \u00e4hnlich einem milit\u00e4rischen Appell, insbesondere zu Beginn und am Ende einer Unterrichtsstunde, und der Gru\u00df sollte auch bei schulfremden Personen schwungvolle Anwendung finden, namentlich bei Herren wie dem Oberstadtschulrat, dem B\u00fcrgermeister und dem Oberb\u00fcrgermeister. Hier galt es Eindruck zu schinden, insbesondere da die Bef\u00f6rderung der Schule zum Gymnasium erst vor kurzem erfolgt war und nun 1942 das erste Abitur bevorstand! Denn, so res\u00fcmierte der Direktor malizi\u00f6s: &#8222;Die Art, wie man gr\u00fc\u00dft, ist ein Zeichen der Bildung, die man besitzt.&#8220;<\/p>\n<p>Die Sch\u00fclerinnen und die Lehrerinnen und Lehrer der damaligen Oberschule f\u00fcr M\u00e4dchen in Bayreuth waren sicher keine Widerstandsk\u00e4mpfer. Aber dass sich der Schulleiter gen\u00f6tigt sah, im Januar 1942 eine NS-Gru\u00dfordung zu erlassen, ist ein Hinweis darauf, dass Indoktrination und Mitl\u00e4ufertum nicht alle restlos ergriffen hatten.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/hitlergruss01.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-15874\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/hitlergruss01.jpg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"288\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/hitlergruss01.jpg 900w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/hitlergruss01-450x144.jpg 450w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/hitlergruss01-768x246.jpg 768w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/hitlergruss01-250x80.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/hitlergruss02.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-15877\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/hitlergruss02.jpg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"871\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/hitlergruss02.jpg 900w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/hitlergruss02-450x436.jpg 450w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/hitlergruss02-768x743.jpg 768w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/hitlergruss02-250x242.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><\/p>\n<div id=\"attachment_15879\" style=\"width: 910px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/hitlergruss03.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-15879\" class=\"size-full wp-image-15879\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/hitlergruss03.jpg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"893\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/hitlergruss03.jpg 900w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/hitlergruss03-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/hitlergruss03-450x447.jpg 450w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/hitlergruss03-768x762.jpg 768w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/hitlergruss03-250x248.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-15879\" class=\"wp-caption-text\">Die Gru\u00dfordung vom 8. Januar 1942<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr\u00fchjahr 1942: Das &#8222;Dritte Reich&#8220; n\u00e4hrte sich langsam dem H\u00f6hepunkt seiner Machtausdehnung. Aber nun gab es auch R\u00fcckschl\u00e4ge, denn der Feldzug im Osten war gr\u00fcndlich schiefgegangen, die Einnahme von Moskau war gescheitert und die ruhmreichen deutschen Truppen lagen unter horrenden Verlusten in Eis und Schnee fest. 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