{"id":15398,"date":"2000-01-04T03:00:00","date_gmt":"2000-01-04T02:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/?p=15398"},"modified":"2017-08-05T13:39:44","modified_gmt":"2017-08-05T11:39:44","slug":"muedigkeit-und-erschlaffung-dispensantraege-1867-bis-1903","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/?p=15398","title":{"rendered":"&#8222;M\u00fcdigkeit und Erschlaffung&#8220;: Dispensantr\u00e4ge 1867 bis 1903"},"content":{"rendered":"<p>Dispense: Das waren die Antr\u00e4ge auf Befreiung vom Unterricht. Diese Antr\u00e4ge gibt es auch heute und sie sind eigentlich etwas Allt\u00e4gliches, sieht man einmal davon ab, dass sich einige dieser Schreiben durch eine gewisse Originalit\u00e4t und Unerschrockenheit auszeichnen, so beispielsweise: &#8222;Unsere Tochter kann den Unterricht nicht besuchen, sie muss sich im Bayreuther Kreuzsteinbad auskurieren.&#8220; Im Zeitalter des Datenschutzes und der elektronisch \u00fcbermittelten Vordrucke sind die meisten Texte aber wenig reizvoll. Heute gen\u00fcgt als lapidare Begr\u00fcndung f\u00fcr eine Abwesenheit allein das Wort &#8222;Krankheit&#8220;.<\/p>\n<p>Ganz anders vor 150 Jahren an der H\u00f6heren T\u00f6chterschule. Damals meldeten sich die Erziehungsberechtigten teils bestimmt, teils ausf\u00fchrlich zu Wort, um ihre T\u00f6chter vom Unterricht abzumelden, sie f\u00fcr andere F\u00e4cher anzumelden oder der Schule generell mitzuteilen, dass man mit bestimmten Unterrichtsinhalten und Gewohnheiten unzufrieden war und daher sein Kind kurzerhand davon freistellte.<\/p>\n<p>Und das war m\u00f6glich, denn die Schule war eben eine private Veranstaltung, deren Unterrichtsinhalte von den Gr\u00fcnderv\u00e4tern eingef\u00fchrt worden waren und die seit ihrer Gr\u00fcndung 1867 vollst\u00e4ndig vom Schulgeld, den privaten Spenden und von den Zuwendungen der Stadt abh\u00e4ngig war &#8211; also von Zahlungen, die Stadtv\u00e4ter bewilligen mussten, die ihrerseits die eigenen T\u00f6chter an der Schule untergebracht hatten und daher darauf vertrauen konnten, dass ihren Anliegen viel Verst\u00e4ndnis entgegengebracht wurde.<\/p>\n<p>Erst nach 1900 \u00e4nderte sich dies, als im Zuge der allgemeinen Unterrichtsreformen und der Einf\u00fchrung der staatlich anerkannten Zeugnisse mehr Verbindlichkeit in den Unterrichtsbetrieb und die Unterrichtsinhalte einkehrte.<\/p>\n<p>Aber dies alles w\u00e4re wohl l\u00e4ngst vergessen, h\u00e4tte nicht der penibel-ordnungsliebende Schulleiter Grossmann, der von 1867 bis 1893 amtete, die Dispense, die von den Eltern eingereicht wurden, akribisch zur Kenntnis genommen, unterzeichnet und sorgf\u00e4ltig abgeheftet. Und durch einen weiteren gl\u00fccklichen Zufall blieb der Aktenband mit den Dispensen im Schularchiv erhalten. Diese \u00fcberlieferten Schreiben geben einen einzigartigen Einblick in den damaligen Schulbetrieb, die Auffassung vom Unterricht und vom standesbewussten Auftreten der Elternschaft.<\/p>\n<p>So klagte der Hauptmann von Vollmar-Veltheim 1869, zwei Jahre nach Gr\u00fcndung der Schule, dass seine Tochter Pauline durch das Auswendiglernen der Oden Klopstocks gesundheitlich schwer angegriffen sei, sie deshalb davon befreit werden m\u00f6ge und dass sie \u00fcberhaupt nur noch stundenweise am Unterricht teilnehmen k\u00f6nne:<\/p>\n<div id=\"attachment_15402\" style=\"width: 460px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/vollmar.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-15402\" class=\"size-full wp-image-15402\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/vollmar.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"485\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/vollmar.jpg 450w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/vollmar-418x450.jpg 418w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/vollmar-250x269.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-15402\" class=\"wp-caption-text\">Dispensantrag des Hauptmanns von Vollmar 1869<\/p><\/div>\n<p><em>Ingolstadt, den 11. Maerz 1869<\/em><\/p>\n<p><em>Hochgeehrtester Herr Rector!<\/em><\/p>\n<p><em>W\u00e4hrend meines letzten Aufenthaltes in Bayreuth wurde mir von Seite meiner Tochter Pauline sehr h\u00e4ufig geklagt, da\u00df sie stark an Kopfweh leide. Ich sehe mich daher veranla\u00dft, Euer Wohlgeboren ergebenst zu bitten, sie vom Auswendiglernen der Oden Klopstocks zu dispensieren, da dies f\u00fcr sie eine Anstrengung ist, mit der ich mich in billiger Ber\u00fccksichtigung ihrer Gesundheit nicht einverstanden erkl\u00e4ren kann. Zugleich erlaube ich mir, Euer Wohlgeboren in Kenntnis zu setzen, da\u00df ich von Ostern an meine Tochter nur mehr an einzelnen Lehrstunden teilnehmen zu lassen beabsichtige, da dieselbe von Tag zu Tag ihrer Mutter im Hause n\u00f6tiger wird.<\/em><\/p>\n<p><em>Indem ich Euer Wohlgeboren bitte, die Versicherung meiner ausgezeichnetsten Hochachtung zu genehmigen, verbleibe ich mit aufrichtigster Gesinnung<\/em><\/p>\n<p><em>Euer Wohlgeboren<\/em><br \/>\n<em> ergebenster<\/em><br \/>\n<em> M. von Vollmar-Veltheim Hauptmann.<\/em><\/p>\n<p>Es war durchaus auch \u00fcblich, dass die Eltern ihre T\u00f6chter von bestimmten F\u00e4chern abmeldeten, da diese f\u00fcr die Ausbildung ihrer Kinder entbehrlich seien. Dies wird an den Abschlusszeugnissen deutlich, so an dem der sp\u00e4teren Heimatdichterin Sophie H\u00f6chst\u00e4tter, die im Schuljahr 1889\/1890 in Naturgeschichte, Physik und Chemie nicht unterrichtet wurde und daher in diesen F\u00e4chern keine Zeugnisnoten bekam:<\/p>\n<div id=\"attachment_15404\" style=\"width: 460px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/hoechstaetter.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-15404\" class=\"size-full wp-image-15404\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/hoechstaetter.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"586\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/hoechstaetter.jpg 450w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/hoechstaetter-346x450.jpg 346w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/hoechstaetter-250x326.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-15404\" class=\"wp-caption-text\">Zeugnis von Sophie H\u00f6chst\u00e4tter 1889\/1890<\/p><\/div>\n<p>Auch Vater Carl Boller hielt es 1891 f\u00fcr angemessener, dass sich seine zur Bleichsucht neigende Tochter besser an der &#8222;frischen Luft&#8220; aufhielt als den Unterricht im Physiksaal abzusitzen:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/boller-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-15417 size-full\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/boller-1.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"498\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/boller-1.jpg 450w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/boller-1-407x450.jpg 407w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/boller-1-250x277.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>Bayreuth, den 7. April 1891<br \/>\nHochwohlgeboren<br \/>\nHerrn kgl. Rektor<br \/>\nGro\u00dfmann dahier.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich erachte es aus dem Grunde f\u00fcr besser die Physikstunden von meiner Tochter Elsa nicht mehr nehmen zu lassen, weil zu Bleichsucht angelegt, we\u00dfhalb (ich) eine andere Besch\u00e4ftigung event. frische Luft vorziehe.-<\/em><\/p>\n<p><em>Zudem kan(n) kein Zwang bestehe(n), nachdem meine Tochter 7 1\/2 Schuljahre hat und wird sp\u00e4ter nur fremde Sprachen, Religion etc. nehmen.-<\/em><\/p>\n<p><em>Hochachtungsvoll<\/em><br \/>\n<em> Carl Boller<\/em><\/p>\n<p>In der Dispens-Akte findet sich kein Schreiben, mit dem eine Sch\u00fclerin vom Handarbeitsunterricht oder einem anderen &#8222;weiblichen&#8220; Fach abgemeldet wurde. Zudem weist im Jahr 1900 die K\u00f6nigliche Regierung von Oberfranken, Kammer des Innern, in ihrem Schreiben Nr.\u00a015674 darauf hin, dass &#8211; sozusagen im Sinne Goethes &#8211; nicht jedes sich f\u00fcr jeden schickt. F\u00fcr M\u00e4dchen schicken sich vor allem keine Quadratwurzeln, wie die Beh\u00f6rde des Regierungspr\u00e4sidenten von Roman feststellte, der seine Tochter praktischerweise ebenfalls an der Schule eingeschrieben hatte. Mit sch\u00f6ner Sicherheit definierte die Beh\u00f6rde die Bildungsziele einer Schule f\u00fcr junge Frauenzimmer:<\/p>\n<p><em>Nach der Anschauung der K. Regierung liegt das Ausziehen der Quadratwurzel nicht innerhalb der Aufgabe einer M\u00e4dchenschule, wie \u00fcberhaupt in dieser Kategorie von Anstalten der Rechenunterricht rein praktische Ziele verfolgen und namentlich die sp\u00e4tere Haushaltst\u00e4tigkeit des weiblichen Geschlechts ber\u00fccksichtigen soll.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/quadratwurzel01-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-15426 size-full\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/quadratwurzel01-1.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"330\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/quadratwurzel01-1.jpg 450w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/quadratwurzel01-1-250x183.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/a><\/p>\n<div id=\"attachment_15409\" style=\"width: 460px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/quadratwurzel02.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-15409\" class=\"size-full wp-image-15409\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/quadratwurzel02.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"273\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/quadratwurzel02.jpg 450w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/quadratwurzel02-250x152.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-15409\" class=\"wp-caption-text\">Schreiben Nr. 15674 der K\u00f6niglichen Regierung von Oberfranken, Kammer des Innern, im Jahr 1900<\/p><\/div>\n<p><em>Als feststehend darf vorausgesetzt werden, da\u00df die T\u00f6chterschule nicht Gelehrsamkeit und Vielwissen pflegen, sondern harmonische Bildung vermitteln soll, welche die M\u00e4dchen bef\u00e4higt, in ihrer sp\u00e4teren Stellung als Frauen oder Jungfrauen innerhalb der gebildeten Familie segensreich zu wirken und am geistigen Leben des Volkes mit Verst\u00e4ndnis teilzunehmen.<\/em><\/p>\n<p>Daher darf es nicht verwundern, dass gelegentlich ein Vater dem Direktor auch bedeutete, ab welchem Schuljahr seine Tochter in welchen F\u00e4chern unterrichtet werden sollte:<\/p>\n<p><em>Zeige hiemit Herrn Rector an, da\u00df meine Tochter Louise IV. Kl. den franz\u00f6sischen Unterricht mit der zweiten Klasse und den englischen mit dritter Klasse im neuen Schuljahr beginnen wird.<\/em><\/p>\n<p><em>P. Schwabacher<\/em><br \/>\n<em> 2. 10. 1882<\/em><\/p>\n<p>Generell hatten famili\u00e4re Belange Vorrang vor schulischen Veranstaltungen, wie zahlreiche erhaltene Dispense zeigen. Dies wird auch deutlich in einem Schreiben des kgl. Oberf\u00f6rsters Prichter von 1877, der seine Tochter R\u00f6schen gleich komplett von der Schule abmeldete:<\/p>\n<div id=\"attachment_15429\" style=\"width: 460px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/prichter-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-15429\" class=\"wp-image-15429 size-full\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/prichter-1.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"392\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/prichter-1.jpg 450w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/prichter-1-250x218.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-15429\" class=\"wp-caption-text\">Dispens Prichter 1877<\/p><\/div>\n<p><em>Hochwohlgeborener, Hochzuverehrender Herr Rector!<\/em><\/p>\n<p><em>Wegen langwierigen Unwohlseins meiner Gattin ist derselben die Pflege ihrer einzigen Tochter, meines R\u00f6schens, unentbehrlich und ich bin leider gezwungen deshalb deren Austritt aus der H\u00f6heren T\u00f6chterschule, deren verehrter Vorstand Sie sind, hiemit von Ostern an zu erkl\u00e4ren.<\/em><\/p>\n<p><em>Euer Hochwohlgeboren<\/em><br \/>\n<em> ganz ergebener<\/em><br \/>\n<em> Prichter<\/em><br \/>\n<em> Kgl. Oberf\u00f6rster<\/em><\/p>\n<p>Gelegentlich wurde es Direktor Grossmann aber zu bunt. Als Vater Reuter 1879 seine Tochter vom Zeichnen abmelden wollte, verweigerte er sein Plazet:<\/p>\n<p><em>Bei der geringen Anlage meiner Tochter Laura f\u00fcrs Zeichnen bin ich damit einverstanden, da\u00df dieselbe vom Unterricht in Zeichnen dispensiert wird, und statt dessen sich mit weiblichen Handarbeiten besch\u00e4ftigt.<br \/>\nDr. med. Reuter<br \/>\nBayreuth, 1. Febr. 1879<\/em><\/p>\n<p>Auch als der k\u00f6nigliche Regierungsrat Grimm seine Tochter vom Naturkunde-Unterricht befreien wollte, gab er zumindest &#8222;vorl\u00e4ufig&#8220; keine Zustimmung:<\/p>\n<div id=\"attachment_15431\" style=\"width: 460px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/grimm-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-15431\" class=\"wp-image-15431 size-full\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/grimm-1.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"594\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/grimm-1.jpg 450w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/grimm-1-341x450.jpg 341w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/grimm-1-250x330.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-15431\" class=\"wp-caption-text\">Dispens Grimm 1882<\/p><\/div>\n<p><em>Euer Hochwohlgeboren!<\/em><\/p>\n<p><em>Meine Tochter Emma Grimm nahm bisher als Sch\u00fclerin der h\u00f6heren T\u00f6chterschule auch an dem Unterrichte in der Naturgeschichte theil. Da dieselbe f\u00fcr diesen Gegenstand zur Zeit noch wenig Verst\u00e4ndni\u00df und Eifer bekundet, erlaube ich mir die ganz ergebenste Bitte zu stellen, dieselbe von der Theilnahme an dem gedachten Unterrichte entbinden zu wollen.<\/em><\/p>\n<p><em>Mit vorz\u00fcglicher Hochachtung<\/em><br \/>\n<em> Euer Hochwohlgeboren<\/em><br \/>\n<em> ergebenster<\/em><br \/>\n<em> Grimm<\/em><br \/>\n<em> Kgl. Reg.rath<\/em><br \/>\n<em> Bayreuth 3. Nov. 1882<\/em><\/p>\n<p>Sehr \u00fcblich und wohl auch kaum zu verweigern waren die Dispense, die in gro\u00dfer Zahl wegen des Turnunterrichts erteilt wurden, zumal auch viele Eltern den neumodischen sportlichen Aktivit\u00e4ten der M\u00e4dchen \u00fcberaus reserviert begegneten. Ein &#8222;graziler K\u00f6rperbau&#8220;, die &#8222;Disposition zu Kopfweh und Schwindel&#8220; oder auch &#8222;Nervenschw\u00e4che&#8220; machten es unm\u00f6glich, sich an den Leibes\u00fcbungen zu beteiligen. Direktor Dr. Krau\u00dfmann, der Leiter der &#8222;Kreisirrenanstalt Bayreuth&#8220;, machte den Schulleiter Grossmann 1889 darauf aufmerksam, dass er &#8222;zudem Turnapparate im eigenen Garten&#8220; besitze, seine Tochter m\u00fcsse daher nicht den Sportunterricht frequentieren.<\/p>\n<p>Auch Heimweh und Abneigung gegen die Schule in Bayreuth konnten ein Entschuldigungsgrund sein. Oberamtsrichter Buff muss 1881 melden, dass seine Tochter Pauline, die offenbar in einem Pensionat in Bayreuth untergebracht war, wegen allgemeinen Unwohlseins nicht mehr nach Bayreuth zur\u00fcckkehren wird:<\/p>\n<div id=\"attachment_15420\" style=\"width: 460px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/buff.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-15420\" class=\"size-full wp-image-15420\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/buff.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"475\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/buff.jpg 450w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/buff-426x450.jpg 426w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/buff-250x264.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-15420\" class=\"wp-caption-text\">Dispens Buff 1881<\/p><\/div>\n<p><em>Hochzuverehrender Herr Rektor!<br \/>\nUnlieb sehe ich mich zu der Mittheilung veranla\u00dft, da\u00df mein T\u00f6chterchen Pauline Buff sehr unwohl von Bayreuth zur\u00fcckgekommen ist und in einem solchen Grade an der Bleichsucht leidet, da\u00df in Folge der hiemit verbundenen Mattigkeit und Apathie jede geistige Anstrengung auch beim besten Willen fruchtlos seyn w\u00fcrde. Ich kann daher vorl\u00e4ufig Nichts thun als abzuwarten, ob einige Wochen m\u00fctterlicher Pflege vielleicht die ersehnte Besserung herbeif\u00fchren; bitte von Obigem zur geneigten Entschuldigung des Ausbleibens Kenntni\u00df zu nehmen und zeichne, Weiteres vorbehaltend, unter besten Gl\u00fcckw\u00fcnschen f\u00fcr den Jahreswechsel<\/em><\/p>\n<p><em>mit ausgezeichneter Hochachtung<\/em><br \/>\n<em> Ihr ergebenster<\/em><br \/>\n<em> Hermann Buff<\/em><br \/>\n<em> K. Oberamtsrichter<\/em><br \/>\n<em> Heidenheim den 31. Dezember 1881<\/em><\/p>\n<p>Von besonderer Delikatesse waren Gesuche, die von Honoratioren eingereicht wurden. Einerseits konnte Direktor Grossmann wohl oder \u00fcbel nicht ablehnen, andererseits wollte er eine gewisse Autorit\u00e4t der Schule wahren. Als der bekannte und einflussreiche Bankier Carl Sch\u00fcller 1889 zwar h\u00f6flich, aber sehr bestimmt seine Tochter Ida wieder einmal vom Singunterricht am Mittwoch Nachmittag abmeldet, schreibt Grossmann ebenso h\u00f6flich und bestimmt zur\u00fcck, dass er f\u00fcr dieses Gesuch wenigstens eine Begr\u00fcndung w\u00fcnsche. Der Bankier l\u00e4sst daraufhin vom Landgerichtsarzt Dr. Landgraf etwas von oben herab ausrichten, dass eine Befreiung aus medizinischen Gr\u00fcnden unerl\u00e4sslich sei:<\/p>\n<div id=\"attachment_15421\" style=\"width: 460px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/landgraf.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-15421\" class=\"size-full wp-image-15421\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/landgraf.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"191\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/landgraf.jpg 450w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/landgraf-250x106.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-15421\" class=\"wp-caption-text\">Attest Dr. Landgraf 1889<\/p><\/div>\n<p><em>Ich constatiere hiemit auf Verlangen, da\u00df es vom \u00e4rtzlichen Standpunkt aus nur zu billigen ist, wenn Herr Banquier Sch\u00fcller seine Tochter Ida an dem Gesangsunterricht der T\u00f6chterschule ferner nicht theilnehmen lassen will.<\/em><\/p>\n<p><em>Bayreuth am 6. Februar 1889<\/em><br \/>\n<em> Dr. Landgraf<\/em><\/p>\n<p>Als jedoch Tochter Ida dann an ihrem singfreien Nachmittag auf der &#8222;Mittwochs-Milit\u00e4rparade im Hofgarten&#8220; verhaltensauff\u00e4llig wird, kann sich Grossmann mit einem Verweis revanchieren:<\/p>\n<p><em>Unter Bedauern theile ich Ihnen mit, da\u00df ihre Tochter Ida, Sch\u00fclerin der V. Klasse, wegen nicht geziemenden Benehmens auf einer Mittwochs-Milit\u00e4rparade im Hofgarten einen Verweis von Seite des Direktoriums erhielt.<\/em><\/p>\n<p>Die erhaltene Dispens-Akte belegt, dass der H\u00f6heren T\u00f6chterschule wahrhaft nichts Menschliches fremd war. Sie ist aber auch ein Zeugnis daf\u00fcr, wie Direktor Grossmann durch seine Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit der privaten Schule schnell Ansehen verschaffte. Er war eine Respektsperson, und Eltern verstiegen sich in den Dispensen bei der Anrede sogar zu einem &#8222;Hochwohlgeboren&#8220; und peinlicherweise zu einem &#8222;Euer Hochw\u00fcrden&#8220; statt des korrekten &#8222;Euer Wohlgeboren&#8220;. Und es wurde selbstverst\u00e4ndlich &#8222;ergebenst&#8220; unterzeichnet. Tempi passati!<\/p>\n<div id=\"attachment_15422\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/grossmann.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-15422\" class=\"size-full wp-image-15422\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/grossmann.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"435\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/grossmann.jpg 300w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/grossmann-250x363.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-15422\" class=\"wp-caption-text\">Direktor Grossmann<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dispense: Das waren die Antr\u00e4ge auf Befreiung vom Unterricht. Diese Antr\u00e4ge gibt es auch heute und sie sind eigentlich etwas Allt\u00e4gliches, sieht man einmal davon ab, dass sich einige dieser Schreiben durch eine gewisse Originalit\u00e4t und Unerschrockenheit auszeichnen, so beispielsweise: &#8222;Unsere Tochter kann den Unterricht nicht besuchen, sie muss sich im Bayreuther Kreuzsteinbad auskurieren.&#8220; Im&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[32],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15398"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15398"}],"version-history":[{"count":33,"href":"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15398\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":17063,"href":"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15398\/revisions\/17063"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15398"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15398"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15398"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}