{"id":13818,"date":"2000-02-12T04:00:20","date_gmt":"2000-02-12T03:00:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/?p=13818"},"modified":"2023-12-04T16:11:04","modified_gmt":"2023-12-04T15:11:04","slug":"chemieunterricht-bei-herrn-landgraf-1952-oder-wos-mon-ausser-benzin-noch-tonkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/?p=13818","title":{"rendered":"Chemieunterricht bei Herrn Landgraf 1952 oder &#8222;Wos mon au\u00dfer Benzin noch tonkt&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>&#8222;Pfeiffer, Sie g\u00e4ben nicht acht. Wederholen Sie: Was verst\u00e4ht man onter alkoholischer G\u00e4rung?&#8220;<br \/>\nHeinrich Sp\u00f6rl, Die Feuerzangenbowle<\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_13828\" style=\"width: 610px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/landgraf_1964_chemie.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-13828\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/landgraf_1964_chemie.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"435\" class=\"size-full wp-image-13828\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/landgraf_1964_chemie.jpg 600w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/landgraf_1964_chemie-150x109.jpg 150w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/landgraf_1964_chemie-450x326.jpg 450w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/landgraf_1964_chemie-250x181.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-13828\" class=\"wp-caption-text\">Chemieunterricht der Oberstufe bei Johannes Landgraf 1964<\/p><\/div>\n<p>Naturwissenschaften wie Chemie und die Mathematik f\u00fchrten in den Anfangsjahren der Schule eher ein Schattendasein, nach Meinung der Erziehungsbeh\u00f6rden und der tonangebenden (m\u00e4nnlichen) Lehrer schickten sich eher Fremdsprachen, Handarbeiten und Religionsunterricht f\u00fcr die h\u00f6heren T\u00f6chter: Sie verliehen die notwendigen Kompetenzen, um sp\u00e4ter als Ehegattin, Hausfrau und Mutter an der Seite des b\u00fcrgerlichen Gemahls re\u00fcssieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Bevor man nun die Nase r\u00fcmpft, sollte man bedenken, dass die Schule hier dem Zeitgeist folgte. Auch an den humanistischen Gymnasien wurde der Chemieunterricht bisweilen eher bel\u00e4chelt, denn die alten Griechen kannten angeblich keine Chemie und es war das Fach, in dem es stinkt und kracht. Erst die Einf\u00fchrung der Realgymnasien gegen Ende des 19. Jahrhunderts f\u00fchrte dann zu einer enormen und mittlerweile unverzichtbaren Aufwertung der Naturwissenschaften an diesen h\u00f6heren Schulen. Parallel dazu modernisierte sich auch die T\u00f6chterschule nach 1900: Die &#8222;Realien&#8220; erhielten nun mehr Beachtung, Physik und Chemie wurden eigenst\u00e4ndige F\u00e4cher, Mathematik wurde nicht mehr nur als &#8222;Kopfrechnen&#8220; betrieben.<\/p>\n<p>F\u00fcnfzig Jahre sp\u00e4ter, im Jahr 1952, waren diese Diskussionen l\u00e4ngst pass\u00e9. Seit 1947 verantwortete der Sachse Johannes Landgraf den Chemieunterricht der Schule und f\u00fchrte ihn zu ungeahnten H\u00f6hen. Davon gibt ein Bericht in der damaligen Sch\u00fclerpostille Kunde, die unter dem anspielungsreichen, aber auch chemie-affinen Titel &#8222;Kneippzeitung&#8220; herausgegeben wurde. Die Verfasserinnen des Beitrags, Sch\u00fclerinnen einer 13. Klasse, dokumentierten darin das Unterrichtsgeschehen. Die heutigen Leser werden zu ihrer Verbl\u00fcffung feststellen, dass hier, auch wenn dies schon unglaubliche 65 Jahre zur\u00fcckliegt, nach den modernsten Unterrichtsprinzipien <em>avant la lettre<\/em> verfahren wurde.<\/p>\n<p>Dies beginnt schon mit der auch heute so dringlich geforderten Pflege des Dialekts im Unterricht, wobei dies beim Sachsen &#8222;Loandgraf&#8220; (sic) noch eine Versch\u00e4rfung erfuhr: Die Sch\u00fclerinnen konnten ihre eigenen fr\u00e4nkischen Betonungen kontrastiv dem Ostmitteldeutschen gegen\u00fcberstellen, und nicht ohne Grund empfehlen sie im dem Artikel, vor dem Unterrichtsbesuch einen &#8222;Kurzkursus in der s\u00e4chsischen Sprache&#8220; zu absolvieren. (Herr Landgrafs eigene Aussprache ist freilich seinerseits erkennbar vom oberfr\u00e4nkischen Zungenschlag eingef\u00e4rbt.)<\/p>\n<p>Die Chemiestunde fand zudem an exponierter Stelle statt, denn es war ein &#8222;blauer Montag, erstes L\u00e4uten&#8220;, als der bestens pr\u00e4parierte Lehrer sein &#8222;Skr\u00fcptum&#8220; auspackte. Die Kontrolle der Anwesenheit war ihm ein Anliegen, und man erkennt hier sogleich einerseits den modernen geschlechtssensiblen Sprachgebrauch, da die Sch\u00fclerin Bless mit dem kernig-bodenst\u00e4ndigen Suffix &#8222;-in&#8220; tituliert wird \u2013 eine auch noch heute anzutreffende Gewohnheit mancher Kolleginnen und Kollegen wie auch von Sch\u00fclern. Andererseits zeigt sich eine geradezu v\u00e4terliche Besorgnis, die jedoch die erzieherische Ma\u00dfnahme nicht scheut:<\/p>\n<p><em>&#8222;Blessin, wo komm&#8217;n Se denn her? K\u00f6nn&#8217;s Se sich nich entschuldichen? Es hat bereits gel\u00e4udet!! Na, das find ich ober &#8217;n merkw\u00fcrdiges Beneh&#8217;m, wenn Se in der 9. Klosse noch nich mol gelernt hoben, heflich zu sein! Ich mu\u00df Se einschreiben!&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Wer nun glaubt, der eigentliche Chemieunterricht w\u00e4re in abstrakt- unanschaulichen Bahnen verlaufen, geht fehl. Die Lehrkraft w\u00e4hlte naheliegende, der Lebenspraxis der Sch\u00fclerinnen entliehene Unterrichtsbeispiele, um die Anwendungsbezogenheit der Chemie unmittelbar einsichtig zu machen. Zu beachten ist auch die \u00fcberlegene Fragetechnik des Lehrers, der die Antworten auch bei komplexen Themen f\u00f6rmlich herauskitzelt:<\/p>\n<p><em>&#8222;Holverscheit, kenn Se mir sogen, wos im Zuckerr\u00fcbensaft alles drin ist?&#8220; &#8211; Dietgart: &#8222;Dreck.&#8220; &#8211; &#8222;Weikl, hoben Se &#8217;n Audo?&#8220; &#8211; &#8222;N\u00f6.&#8220; &#8211; &#8222;Kenn&#8217;n Se mer trotzdem sogen, wos mon au\u00dfer Benzin noch tonkt?&#8220; Anwort: &#8222;K\u00fchlerschutzmittel.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Schlie\u00dflich und als Kr\u00f6nung einer modernen zeitgem\u00e4\u00dfen Sch\u00fcleraktivierung werden die Versuchsk\u00e4sten ausgepackt, um selbst experimentieren zu k\u00f6nnen. Die heute vielbeschworene &#8222;Handlungsorientierung&#8220; des Unterrichts \u2013 hier hatte sie bereits Einzug gehalten:<\/p>\n<p><em>&#8222;Teil&#8217;n Se mol die Versuchsk\u00e4sten aus!&#8220; &#8211; Allgemeine Vorfreude. Gleich wird man in Deckung sein, gleich wird man die Erlebnisse vom gestrigen Sonntag weitertr\u00e4umen k\u00f6nnen!<\/em><\/p>\n<p>Der letzte Satz weist darauf hin, dass damals wie heute insbesondere die Sch\u00fclerinnen in oft ungeahntem Ma\u00dfe &#8222;multitasking-f\u00e4hig&#8220; sind, so wie es die moderne Informationstechnik definiert: Neben den Hantierungen mit den Chemikalien wurden im Unterricht von Herrn Landgraf auch Mathe-Hausaufgaben gel\u00f6st, Liebesbriefe verfasst, Modehefte gemustert, Brotzeiten eingenommen oder B\u00fccher gelesen. Manche Sch\u00fclerinnen holten auch etwas Schlaf nach, den sie am Wochenende vers\u00e4umt hatten. Insgesamt gesehen gestalteten die Sch\u00fclerinnen den Unterricht also modern-eigenverantwortlich, ohne dabei Herrn Landgraf in seiner didaktischen T\u00e4tigkeit zu st\u00f6ren.<\/p>\n<p>Zudem gelang in diesem Untericht auch eine F\u00f6rderung der besonders Veranlagten und Hochbegabten, Anliegen, denen die Unterrichtsbeh\u00f6rden erst heute die geb\u00fchrende Aufmerksamkeit schenken. Doch schon Lehrer Landgraf differenzierte den Unterricht gekonnt nach den jeweiligen Sch\u00fclerpers\u00f6nlichkeiten und erteilte der neugierigen Sch\u00fclerin Mausi Neuner, der &#8222;Koryph\u00e4e&#8220;, geradezu &#8222;privaten Unterricht&#8220;:<\/p>\n<p><em>Nun wird das Skr\u00fcptum verglichen. &#8222;Na, wer hot&#8217;s denn sch\u00f6n? &#8211; Neuner, Sie?&#8220; Mausi: &#8222;Ja, ich denk&#8217;s \u2026&#8220; Gewandt liest sie vor.<\/em><\/p>\n<p>Dann kam die Erl\u00f6sung, &#8222;der ersterbende Klingelton&#8220; drang in die Sch\u00fclerohren ein: Wieder war eine unvergessliche Unterrichtsstunde vorbei.<\/p>\n<div id=\"attachment_13830\" style=\"width: 460px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/chemie_klasse_12_1964.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-13830\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/chemie_klasse_12_1964.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"365\" class=\"size-full wp-image-13830\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/chemie_klasse_12_1964.jpg 450w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/chemie_klasse_12_1964-150x122.jpg 150w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/chemie_klasse_12_1964-300x243.jpg 300w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/chemie_klasse_12_1964-250x203.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-13830\" class=\"wp-caption-text\">Chemie in der 12. Klasse 1964<\/p><\/div>\n<p>Heute profiliert sich das Richard-Wagner-Gymnasium als Schule der Wissenschaften, die besonders die MINT-F\u00e4cher f\u00f6rdert: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Es gibt MINT-Wahlf\u00e4cher und AGs, eine spezielle MINT-F\u00f6rderung, MINT-Projekte, MINT-Kooperationen und MINT-Seminare. Die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler nehmen an MINT-Wettbewerbe teil, bei denen sie regelm\u00e4\u00dfig Preise und Auszeichnungen einheimsen. Zudem wurden in den letzten Jahren die Fachr\u00e4ume Physik und Chemie aufw\u00e4ndig restauriert und mit den neuesten technischen Anlagen ausgestattet. Bei der bevorstehenen Generalsanierung der Schule werden weitere Fachr\u00e4ume renoviert.<\/p>\n<p>Jedoch wissen wir heutigen Zwerge, worauf wir stehen, n\u00e4mlich auf den Schultern von Riesen wie denen des Landgraf aus dem Lande Sachsen.<\/p>\n<div id=\"attachment_13834\" style=\"width: 460px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/2014_RWG_Chemie_Klasse_450.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-13834\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/2014_RWG_Chemie_Klasse_450.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"292\" class=\"size-full wp-image-13834\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/2014_RWG_Chemie_Klasse_450.jpg 450w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/2014_RWG_Chemie_Klasse_450-150x97.jpg 150w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/2014_RWG_Chemie_Klasse_450-300x195.jpg 300w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/2014_RWG_Chemie_Klasse_450-250x162.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-13834\" class=\"wp-caption-text\">Chemieunterricht heute bei Studienr\u00e4tin Hofmann<\/p><\/div>\n<div style=\"transform: rotate(0deg); margin:3px; padding-right: 10px; box-shadow: 3px 5px 10px gray; border: 1px solid #cccccc;\"><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/landgraf_chemie_kneippzeitung_900pixel_1952.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/landgraf_chemie_kneippzeitung_900pixel_1952.jpg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"1284\" class=\"size-full wp-image-13835\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/landgraf_chemie_kneippzeitung_900pixel_1952.jpg 900w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/landgraf_chemie_kneippzeitung_900pixel_1952-105x150.jpg 105w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/landgraf_chemie_kneippzeitung_900pixel_1952-315x450.jpg 315w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/landgraf_chemie_kneippzeitung_900pixel_1952-768x1096.jpg 768w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/landgraf_chemie_kneippzeitung_900pixel_1952-718x1024.jpg 718w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/landgraf_chemie_kneippzeitung_900pixel_1952-250x357.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><\/div>\n<p style=\"text-align: right; color: gray;\"> Der Bericht in der &#8222;Kneippzeitung&#8220; 1952<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Pfeiffer, Sie g\u00e4ben nicht acht. 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