{"id":13421,"date":"2000-01-13T01:00:08","date_gmt":"2000-01-13T00:00:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/?p=13421"},"modified":"2017-08-06T15:09:07","modified_gmt":"2017-08-06T13:09:07","slug":"willkuerliche-veraenderungen-an-koerpertheilen-wespentaille-1888-reformkleidung-1901","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/?p=13421","title":{"rendered":"&#8222;K\u00f6rpertheile mit willk\u00fcrlichen Ver\u00e4nderungen&#8220;: Wespentaille 1888, Reformkleidung 1901"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_13438\" style=\"width: 910px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/klassenphoto_1888_korsett-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-13438\" class=\"size-full wp-image-13438\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/klassenphoto_1888_korsett-1.jpg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"607\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/klassenphoto_1888_korsett-1.jpg 900w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/klassenphoto_1888_korsett-1-150x101.jpg 150w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/klassenphoto_1888_korsett-1-450x304.jpg 450w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/klassenphoto_1888_korsett-1-768x518.jpg 768w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/klassenphoto_1888_korsett-1-250x169.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-13438\" class=\"wp-caption-text\">Das erste erhaltene Bild einer Klasse, die Sch\u00fclerinnen im Korsett, 1888<\/p><\/div>\n<p>1888 gab es sie noch, die &#8222;Welt von Gestern&#8220;, wie Stefan Zweig im R\u00fcckblick schrieb: Adel und Klerus waren einflussreich, die Unterschichten strebten nach oben, aber das (reiche) B\u00fcrgertum pr\u00e4gte nun mit seinen Tugenden, seinen Verhaltensmustern und seinem Geschmack das t\u00e4gliche Leben.<\/p>\n<p>Und dieses B\u00fcrgertums strebte auf dem Gebiet der Mode und des Aussehens nach Seriosit\u00e4t und Gediegenheit. Als Modefarben wurden von den Herren wie von den Damen Schwarz und Grau bevorzugt, die Haut wurde grunds\u00e4tzlich bedeckt und sollte nicht der Sonne ausgesetzt werden &#8211; nur bei festlichen Anl\u00e4ssen pflegten die Damen &#8222;eine Welt von Busen zu entbl\u00f6\u00dfen&#8220;, wie Thomas Mann verwundert bemerkte. Beide Geschlechter kleideten sich von der Kopfbedeckung bis hinab zu den Kn\u00f6pfstiefeln (&#8222;Halbschuhe&#8220; waren indiskutabel) in eher schwere Stoffe und in durable Materialien. Allenfalls Kinder durften sich seit den Zeiten der Romantik leicht und luftig anziehen. Eine Jugendmode mit legeren &#8222;Klamotten&#8220; im heutigen Sinn gab es nicht. Ohnehin sollte das Auftreten so schnell wie m\u00f6glich nicht mehr jugendlich sein: Schon die jungen Herren lie\u00dfen sich dichte B\u00e4rte wachsen und bewegten sich langsam, schnelles Rennen war verp\u00f6nt, denn: &#8222;Ein Offizier l\u00e4uft nicht!&#8220; Die Damen hatten sich &#8222;vornehm&#8220; zu verhalten und zu bewegen. Modisches Vorbild war die gereifte und opulente Frau, und stets war auf Schicklichkeit und Dezenz zu achten.<\/p>\n<p>Als sich daher eine Klasse mit Sch\u00fclerinnen der H\u00f6heren T\u00f6chterschule Bayreuth im Jahr 1888 zum Gruppenbild im Photoatelier einfand, hatten die M\u00fctter und die Dienstboten bereits ganze Arbeit geleistet: Die T\u00f6chter waren sorgf\u00e4ltig frisiert und gescheitelt, das Haar fiel nicht &#8222;frei&#8220;, die grauen oder schwarzen Kleider waren aus aus dichtem Stoff und bodenlang, die Stehkr\u00e4gen bis obenhin geschlossen. Zul\u00e4ssiger Schmuck waren d\u00fcnne Ketten und kleine Schleifen. Vor allem aber modellierten die Korsetts die K\u00f6rper der jungen M\u00e4dchen: Wie die erwachsenen Frauen trugen sie gem\u00e4\u00df dem Dernier Cri steife Unterkleider, die sich unter den langen Knopfreihen der Oberkleider erahnen lie\u00dfen. Diese Unterkleider sollten die als elegant anpriesene Wespentaille bewerkstelligen. &#8211; Der Hofphotograph disponierte alle T\u00f6chter vor dem Hintergrund, im Vordergrund wurden Gr\u00fcnzeug und ein Teppich ausgebreitet, die M\u00e4dchen mussten stillestehn, dann trat die Balgenkamera in Aktion: Die empfindliche Platte wurde belichtet, und noch heute befindet sich im Schularchiv die Aufnahme einer Klasse, die um 1888 entstand.<\/p>\n<div id=\"attachment_13433\" style=\"width: 910px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Abschlussklasse_1897_Korsett.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-13433\" class=\"size-full wp-image-13433\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Abschlussklasse_1897_Korsett.jpg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"627\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Abschlussklasse_1897_Korsett.jpg 900w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Abschlussklasse_1897_Korsett-150x105.jpg 150w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Abschlussklasse_1897_Korsett-450x314.jpg 450w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Abschlussklasse_1897_Korsett-768x535.jpg 768w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Abschlussklasse_1897_Korsett-250x174.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-13433\" class=\"wp-caption-text\">Eine weitere Klasse mit Schn\u00fcrung, hier die Abschlussklasse von 1897<\/p><\/div>\n<p>Es nimmt nicht Wunder, dass die nach dem Flaschenzugprinzip arbeitenden Schn\u00fcrungen der Korsetts den Sch\u00fclerinnen wie allen anderen Frauen bisweilen buchst\u00e4blich die Luft zum Atmen nahmen. Denn nicht nur bei festlichen Anl\u00e4ssen und im Photoatelier, nein, auch im Alltag hatten die Sch\u00fclerinnen der h\u00f6heren Klassen die Schn\u00fcrbrust anzulegen, nur die T\u00f6chter der unteren Klassen bleiben davon verschont. Ohnmachtsanf\u00e4lle waren normal und Haltungssch\u00e4den waren weit verbreitet. Die Lehrerinnen hatten stets Riechsalz zur Hand, um Wiederbelebungsversuche zu starten; vermutlich kam es bisweilen bei ihnen selbst zum Einsatz. So war es verst\u00e4ndlich, dass schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts der Ruf nach einer &#8222;Reformkleidung&#8220; immer lauter wurde: Aus gesundheitlichen wie aus emanzipatorischen Gr\u00fcnden sollten die Frauen das Korsett ablegen und frei fallende, ungeschn\u00fcrte Kleider tragen. In Berlin veranstaltete 1897 der &#8222;Verein zur Verbesserung der Frauenkleidung&#8220; erstmals eine Ausstellung mit den neuen W\u00e4schest\u00fccken.<\/p>\n<p>Im b\u00fcrgerlich-konservativen Bayreuth war es aber noch nicht soweit. Hier musste die Reform von oben kommen. Zum Gl\u00fcck und \u00fcberaus passend gab schon am 19. September 1900 der Kgl. Regierungspr\u00e4sident von Oberfranken, dessen Tochter die H\u00f6here T\u00f6chterschule besuchte, in einem Schreiben an das Institut zu bedenken, dass &#8222;hinter der geistigen Schulung&#8220; der M\u00e4dchen &#8222;nicht die k\u00f6rperliche Erziehung zur\u00fcckstehen soll&#8220;. Der Regierungspr\u00e4sident, dem vermutlich auch die eigene Tochter zugesetzt hatte, bedauerte, dass nur &#8222;eine einzige Turnstunde in der Woche&#8220; eingeplant sei, &#8222;und es wird Sache des Unterrichtsrates sein, Mittel und Wege zu finden, um die die beiden Seiten der Schulerziehung besser ins Gleichgewicht zu bringen.&#8220;<\/p>\n<p>Schulrat Kesselring verstand den Wink. Es scheint ihm aber auch trotz der ihm eigenen eher beflissen-konservativen Einstellung ein Bed\u00fcrfnis gewesen zu sein, der Schule einen modernen Anstrich zu geben. Die Sch\u00fclerinnen sollten sich mehr bewegen, er forderte und f\u00f6rderte den Sportunterricht, und vor allem sollten die Bayreuther Honoratioren ihre T\u00f6chter nicht mehr mit den Korsetts ausstaffieren, die in Gro\u00dfst\u00e4dten wie Berlin schon aus der Mode kamen. Zudem musste man ja die Anregung des Regierungspr\u00e4sidenten aufgreifen und man konnte nun an die gef\u00e4hrlichen Fragen der Damenmode mit gesundheitlichen Argumenten und mit den Erfordernissen des Sports herangehen.<\/p>\n<p>Umgehend hielt Kesselring daher auf der Abschlussfeier der H\u00f6heren T\u00f6chterschule im Jahr 1901 eine Vortrag zum Thema &#8222;\u00dcber die Bedeutung der Leibes\u00fcbungen f\u00fcr das weibliche Geschlecht&#8220;. Darin pl\u00e4dierte er energisch f\u00fcr ein Training der &#8222;k\u00f6rperlichen Kr\u00e4fte bei Knaben und M\u00e4dchen&#8220;, vorzugsweise im Sportunterricht, wie er ja auch an der T\u00f6chterschule erteilt wurde. Dann griff er die Eltern, die ihre T\u00f6chter noch immer ins Korsett steckten, frontal an:<\/p>\n<p><em>&#8222;Anst\u00e4ndig&#8220; nennen es manche M\u00fctter, wenn ihre T\u00f6chterchen sich wie kleine D\u00e4mchen still und ruhig verhalten; grazi\u00f6s, wenn sie in ein modernes Kleiderger\u00fcst eingebaut, wie Zierp\u00fcppchen gehen und stehen. Und doch wohnt die Bewegungslust und das Bewegungsbed\u00fcrfnis von Natur aus den M\u00e4dchen in gleicher Weise inne wie den Knaben. Ich erinnere hier nur an die Lust zum Tanzen.<\/em><\/p>\n<p>Zumindest die letzte Bemerkung \u00fcber das Tanzen war etwas scheinheilig, denn das konnte Kesselring \u00fcberhaupt nicht leiden und er versuchte es &#8211; erfolglos &#8211; mit seiner &#8222;Disziplinar-Ordnung&#8220; zu unterbinden. Aber hier heiligte der Zweck die Mittel, und nun kn\u00f6pfte sich der Schulleiter nochmals pers\u00f6nlich das Korsett vor, das er als schon \u00fcberholte alte Klamotte hinstellte:<\/p>\n<p><em>Ich will hier nicht auf das Korsett, diese Druckmaschine auf die Lungen- und Verdauungsorgane, dem h\u00e4\u00dflichsten und ungesundesten Erzeugni\u00df unserer Frauenmode, durch welches selbst V\u00f6lker, die an der Spitze der Kultur stehen, willk\u00fcrliche Ver\u00e4nderungen an ihren K\u00f6rpertheilen vornehmen, eingehen, sondern ich will nur der festen \u00dcberzeugung Ausdruck bringen, dass dieser moderne Marterapparat seine Herrschaft einb\u00fc\u00dft, sobald unsere M\u00e4dchen zum regelm\u00e4\u00dfigen Turnen und zu Bewegungsspielen angehalten werden &#8230; <\/em><\/p>\n<p>Kesselrings Kritik am Korsett nach dem Flaschenzugprinzip fiel offenbar auf fruchtbaren Boden. Die Zeit war reif, der Modegeschmack wandelte sich und die Einsicht siegte. Nach 1901 finden sich im Schularchiv keine Bilder mehr, die Sch\u00fclerinnen wie fr\u00fcher im Korsett zeigen.<\/p>\n<div id=\"attachment_13435\" style=\"width: 910px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Klasse_1908_ohne_korsett.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-13435\" class=\"size-full wp-image-13435\" src=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Klasse_1908_ohne_korsett.jpg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"689\" srcset=\"https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Klasse_1908_ohne_korsett.jpg 900w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Klasse_1908_ohne_korsett-150x115.jpg 150w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Klasse_1908_ohne_korsett-450x345.jpg 450w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Klasse_1908_ohne_korsett-768x588.jpg 768w, https:\/\/www.rwg-bayreuth.de\/home\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Klasse_1908_ohne_korsett-250x191.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-13435\" class=\"wp-caption-text\">F\u00fcnfte Klasse 1907, die Abschlussklasse von 1908, die Haare hochgesteckt, aber ansonsten nun ungeschn\u00fcrt und frei fallend<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1888 gab es sie noch, die &#8222;Welt von Gestern&#8220;, wie Stefan Zweig im R\u00fcckblick schrieb: Adel und Klerus waren einflussreich, die Unterschichten strebten nach oben, aber das (reiche) B\u00fcrgertum pr\u00e4gte nun mit seinen Tugenden, seinen Verhaltensmustern und seinem Geschmack das t\u00e4gliche Leben. 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