Schulleben

„Jeder Tag mit Drogen ist verschwendet.“

Die achten Klassen befassten sich mit dem Thema „Drogen“.

Jeder weiß, dass Drogen gefährlich sind. Wie es sein kann, dass man trotzdem süchtig wird, und was es heißt, süchtig zu sein, wurde den achten Klassen unserer Schule beim diesjährigen Projekttag des RWG verdeutlicht.

Als Saman, der jahrelang drogensüchtig war, von seinem Leben erzählt, wird es still im Zimmer. Seine – wie man sagt – „Drogenkarriere“ ist typisch, aber sie aus seinem Mund zu hören, ist beklemmend und geht unter die Haut: Von seinen 36 Jahren sei er 18 drogensüchtig gewesen, länger als die Lebenszeit der Achtklässler, zu denen er spricht, und er bereue jeden Tag davon: Die Hälfte seines Lebens, 18 Jahre, seien verloren und zwar unwiederbringlich. Es seien Jahre, in denen er nichts geschaffen habe, weil er nur die Drogen im Sinne gehabt habe. Weil er eigentlich ein feinsinniger Mensch ist, der Dramen schreibt, Theaterstücke inszeniert und Kafka gelesen hat, ist es für Saman schlimm, die Hälfte seines Lebens weggeworfen zu haben.

Er weiß noch genau den Tag, an dem alles angefangen habe: Es sei ein sonniger Tag gewesen. Er sei mit seinen Freunden auf dem Schulhof seines Gymnasiums im Iran gestanden (Saman ist in Persien aufgewachsen) und habe etwas Cannabis geraucht – einfach so und aus Spaß. Und ein paar Tage später wieder. Und dann immer öfter. Und irgendwann sei er mitten drin gewesen – Opium – Crystal – das ganze Programm.

Dass um ihn herum alles kaputt ging, habe er nicht mehr gemerkt. Die Familie ging immer mehr auf Distanz und ließ ihn irgendwann links liegen. Freunde starben am Drogenkonsum, doch das sei ihm irgendwie egal gewesen: Die Gedanken drehen sich irgendwann nur noch um den Stoff. „Ein Süchtiger ist ein Egoist“, sagt Saman, „er denkt nur an sich.“ Über die Beschaffungskriminalität führte der Weg ins Gefängnis. „Wenn du das erste Mal erwischt wirst“, erzählt er, „macht dir das nicht viel aus: Unter dem Jugendstrafrecht passiert nicht viel. Dann kommt die Bewährungsstrafe, aber dann bist du irgendwann im Knast. Und auf Entzug.“

Aus der Sucht heraus fand er den Weg auf die Fazenda da Esperança. Der exotische Name klingt nach Sonne und Urlaub im Süden, ist aber in Wirklichkeit ein Bauernhof in der Nähe von Kaufbeuren im Allgäu. Dort leben zurzeit zehn Menschen mit Suchtproblemen in Therapie.

Das Konzept der Fazenda erklärt Luiz, der Leiter der Einrichtung. Sie lebt vom katholischen Glauben, ist aber eine unabhängige Einrichtung, die versucht, den suchtkranken Menschen einen inneren Halt zu geben, der es ihnen ermöglicht, sich gegen ihre Sucht zu behaupten. Natürlich ist der christliche Glaube für Luiz dabei eine wichtige Stütze, denn er hilft, ein neuer Mensch zu werden, der Kraft aus dem Wort und der Gegenwart Gottes schöpft. So steht es in den Flugschriften der Fazenda, die eine von sieben in Deutschland und eine von 125 in 17 Nationen weltweit ist. Luiz nimmt von diesen Worten an diesem Tag vor den Schülern nicht viele in den Mund, obwohl er sein Leben ganz Gott geweiht hat und auf alles verzichtet, was ein normales, bürgerliches Leben auszeichnet – Frau – Familie – einen bürgerlichen Beruf, den er als gelernter Grafiker eigentlich leicht ausüben könnte.

Luiz leitet die Einrichtung. Er schöpft seine Kraft aus dem Glauben.

Auch wenn Luiz spricht, hört man gebannt zu. Seine klare, feste Stimme trägt unüberhörbar einen südamerikanischen Akzent, denn er kommt eigentlich aus Brasilien und lebt nun schon seit über zehn Jahren in Deutschland. Wie die Fazenda helfen könne, wollen die Schüler wissen. Indem sie eine Gemeinschaft stifte, heißt die Antwort, und so den Egoismus der Sucht zu überwinden versuche. Deshalb werde gemeinsam gearbeitet, gekocht, gelebt. „Wer für einen anderen, dem es schlecht geht, morgens einmal das Bett macht oder die Arbeit übernimmt, spürt einen Sinn in seinem Leben“, sagt Luiz. Einen solchen Sinn zu sehen, sei wichtig, denn wer ihn sehe, brauche keine Flucht in die Drogen.

„Sucht hat immer mit Sehnsucht zu tun,“ erklärt Luiz. Wer Drogen nehme, sei auf der Suche nach etwas, was er im Leben momentan nicht finde. Die Drogen würden zeitweise die Illusion von Glück und Zufriedenheit schaffen, die in Wirklichkeit aber nur eine kurzfristige Scheinbefriedigung sei, die, um sich einzustellen, nach immer höheren Dosen an Drogen verlange. Um dem zu widerstehen, sei es wichtig, sich so zu akzeptieren, wie man sei: Jeder könne etwas, und wer sich dessen bewusst werde, brauche keine Flucht in Scheinwelten mehr. Er sei vielmehr fähig, etwas zu tun und etwas zu schaffen. Arbeit sei deshalb für die Therapie in der Fazenda ganz wichtig – nicht als „Strafe“, sondern um jedem zu bestätigen, dass er etwas könne und es verstehe, sein Leben sinnvoll zu gestalten. Da die Einrichtung keine staatlichen Hilfen bekomme, trage jeder mit seiner Hände Arbeit dazu bei, dass der Hof mit seinen Tieren und Werkstätten jedem Einzelnen seinen Lebensunterhalt sichere.

Zu dieser sinnvollen Gestaltung des Alltags gehöre auch, Verantwortung für andere zu übernehmen. In der Fazenda lerne man, etwas für andere zu tun und für andere da zu sein. Dieses Gefühl von Gemeinschaft erfülle das Leben mit Sinn. Dazu komme die Spiritualität des Glaubes als dritte Säule und zusätzliches Angebot. Wer sein Leben während der Therapie so als sinnvoll wiederentdecke, schaffe es vielleicht, dem scheinbaren Glücksversprechen der Drogen auch nach 12 Monaten zu widerstehen, wenn die Zeit an der Fazenda für den Einzelnen zu Ende gehe.

Ob er noch an Drogen denke?, war eine der Schülerfragen an Saman. „Ja“, hieß die ehrliche Antwort, „jeden Tag“, denn jeden Tag spüre er, wie viel von seinem Leben er sinnlos und unwiederbringlich vergeudet habe. Warum man drogensüchtig werde? Er wisse es nicht – das Klischee vom Scheidungskind, das von einer Mutter aufgezogen wurde, die als Flugbegleiterin viel unterwegs gewesen sei, trage nicht, denn sein Bruder, der unter den gleichen Bedingungen groß geworden sei, habe nie etwas mit Drogen zu tun gehabt. „Aber er ruhte mehr in sich, er brauchte nicht ständig die Bestätigung der anderen.“

Wie man sich fühle, wenn man nicht helfen könne, wenn jemand rückfällig werde oder noch während der Therapie Kontakte mit Drogen habe, wurde Luiz gefragt. Es sei schwer, meinte der, aber wenn sich jemand völlig verweigere, dann sei eine Therapie nicht möglich. Besonders kritisch sah er Cannabis, eine Droge, von der man sagt, sie sei „leicht“ und deren Legalisierung oft in den Raum gestellt werde: „Cannabis zerstört das Gehirn – am Ende bleibt nur die Psychiatrie.“

Wie erfolgreich die Einrichtung sei? Luiz berichtet, dass von seinen Jungs und denen auf den anderen Fazendas etwa 70 Prozent in den nächsten fünf Jahren nach der Therapie „clean“ blieben – das sei ein sehr guter Wert. Und wieso es nur Männer auf der Fazenda gebe? Weil das Vertrauen, das es brauche, um über höchst persönliche Dinge wie eine Sucht offen zu sprechen, leichter entstehe, wenn es nicht durch Beziehungsprobleme überlagert werde, hieß die Antwort. Natürlich gebe es auch Fazendas für Frauen, aber dann eben nur für Frauen. Überhaupt sei Sucht vielschichtiger als man meine: Es gehe bei der Therapie auf den Fazendas nicht nur um Drogen, sondern auch um Magersucht, Spielsucht, Alkohol.

Ob man sich auch selbst therapieren könne? Das sei – so die Erfahrung – kaum möglich. Was einem aber keine Drogeneinrichtung abnehmen könne, sei der Entschluss, aus dem Drogendasein herauskommen zu wollen. „Diesen Entschluss muss jeder selbst fassen, sonst kann man nicht helfen.“ Und was, wenn man merke, dass der Freund oder die Freundin drohe, süchtig zu werden? „Mit den Leuten offen sprechen, auch mit Lehrern, auch mit der Polizei, denn nur so kann beim Betroffenen etwas ausgelöst werden,“ hieß der gutgemeinte Rat.

Christina Hertel (rechts) berichtet auf der Web-Seite „Gott im Abseits“ über die Fazenda.

Geleitet wurde das Gespräch von Christina Hertel, Journalistin aus München, die unter dem Thema „Gott im Abseits“ über das Suchtprojekt berichtet. [mehr…]

Wer sich über das Projekt „Fazenda da Esperança“ informieren möchte, kann das auf der Homepage der Einrichtung tun. [mehr…]

Luiz und Saman sind auf dem Gut Bickenried in Gemeinde Irsee bei Kaufbeuren zu Hause. Das Gut hat auch einen Gästebereich. Hier kann man einkehren oder auch eine Zeitlang wohnen, wenn man das Gut und das Projekt näher kennenlernen möchte. [mehr…]