Schulgeschichte

„Dringend speisungsbedürftig“: Die Not der frühen Jahre

Das ausgehungerte Lehrerkollegium 1947

Die US-Army marschierte am 30. April 1945 in München ein. Das Gebäude des „Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus“ war durch die Bombenangriffe verwüstet, die Behörde war führungslos. Der ehemalige Minister, Gauleiter Paul Giesler, war aus der Stadt geflohen und beging am 2. Mai 1945 Selbstmord. Die hochrangigen Mitarbeiter des Ministeriums waren untergetaucht.

Unter diesen Voraussetzungen musste in Bayern das komplette Schulwesen neu aufgebaut und im fernen Bayreuth des Mädchengymnasium neu gegründet werden. Die Amerikaner wollten durch Radio und Film, durch einen Ausbau der Erwachsenenbildung und besonders durch eine Neustrukturierung der Schulen die NS-Verblendung überwinden und durch ein neues demokratisches Gedankengut ersetzen. Das Ziel der amerikanischen Bildungspolitik sollte nichts Geringeres als die „re-education of a nation“ sein. Beim neuen Schulleiter des Mädchengymnasiums stießen diese Gedanken auf Einsicht. Dr. Bayer erklärte im ersten Jahresbericht der Nachkriegszeit 1946/1947:

Die wesentlich neue Aufgabe, welche der Schule übertragen wurde, war die Erziehung der Jugend nach neuen Grundsätzen, d. h. nach Grundsätzen, die dieser Jugend im allgemeinen neu waren, die Erziehung der Jugend im demokratischen Geist, der die neue Schule zu einer demokratischen Schule machen sollte.

Aber wie sollte das Schulwesen neu und möglichst schnell aufgebaut werden? Zuerst musste eine Schulbuchrevision stattfinden, um neues Unterrichtsmaterial in die Hände zu bekommen. Neuerscheinungen deutscher Autoren waren auf die Schnelle nicht verfügbar, ausländische Lehrwerke konnten und sollten nicht einfach übersetzt werden. Ein „Schwärzen“ von Seiten in den alten Büchern erwies sich als untauglich, da dies die Neugier der Schüler umso mehr erregte. Also schloss man sich zuerst dem „Schulbuchnotprogramm“ der Besatzungsmacht an: Mehr als fünf Millionen teilweise alte Schulbücher wurden bis zum Oktober 1945 nachgedruckt. Dies reichte aber für eine Versorgung der Schulen bei weitem nicht aus, und viele der Bücher waren inhaltlich völlig überholt.
Daher mussten notgedrungen die vorhandenen Bücher überprüft und, falls es keine Beanstandungen gab, wieder für den Unterricht zugelassen werden. Diese Anordnung des neu aufgestellten Kultusministeriums erreichte am 22. Oktober 1945 auch das Direktorat der Schule. Das Mädchengymnasium reichte nun als einer der vielen Antragsteller insgesamt die Titel von 2509 Bücher zur Überprüfung ein, die daraufhin vor allem auf NS-Ideen und auf militaristische Ansichten überprüft wurden. 1047 Bücher, meist mathematischen Inhalts, wurden umgehend, 567 Titel wurden nach Änderungen wieder zugelassen. In der Schule musste jedoch auch ein „Verzeichnis der ausgeschiedenen Bücher“ anlegen, in das beispielsweise eine „Rassenhygienische Fibel“ eingetragen wurde. Dieses Verzeichnis umfasste schließlich 859 (!) Bücher, die nicht mehr benutzt werden durften. Ein besonderes Problem blieb längere Zeit das Fehlen eines geeigneten Geschichtsbuchs, da sich in diesem Fach die Nazis besonders hervorgetan hatten. Aber auch viele Landkarten, Bildquellen und Lesestoffe konnten nicht mehr verwendet werden. Erst ab etwa 1950 gab es wieder eine normale Buchproduktion und nun konnten die Schulbuchsammlung und die Schülerbücherei wieder aufgefüllt werden.

Verzeichnis der 1946 ausgesonderten Bücher (erste Seite)

Ein weiterer Schritt hin zum Aufbau eines demokratischen Schulwesens war die Revision der NS-Lehrpläne. Der Aufbau und die Verteilung des Stoffs mussten nicht vollständig verändert werden, aber die NS-Prämissen und -Inhalte wurden getilgt und man griff auch auf Grundlagen aus der Weimarer Republik zurück. Vor allem sollte sich das Auftreten der Lehrer und das Schulklima verbessern. Jedes militärische Getue war nun verpönt, der Sportunterricht, der nun deutlich reduziert wurde, wurde von „militärischem Drill“ befreit. Im Musikunterricht durften keinerlei Marsch- oder Kampflieder mehr angestimmt werden. Die Inhalte des Unterrichts änderten sich grundlegend. Ein Aufsatzthema im Abitur 1948 lautete nun: „Auf kurze Sicht sind Kanonen stärker, auf weite Sicht aber Ideen.“ –

Eine schwere Hürde war die Entnazifizierung der Lehrer. Die Nazis hatten die Ideologisierung der Lehrerschaft stärker als die anderer Berufsgruppen vorangetrieben, um direkten Zugriff auf die jungen Menschen zu bekommen. Bayreuth war zudem der Sitz des „Nationalsozialistischen Lehrerbunds“, die Schulleitungen und viele Lehrer wollten sich in ihrer Gesinnungstüchtigkeit nicht übertreffen lassen. Die belasteten alten Lehrerinnen und Lehrer mussten daher entlassen werden. Aber Ersatz stand nicht zur Verfügung, und auch die in einem Schnellkurs von 12 Monaten ausgebildeten „Schulhelfer“ konnten keine Abhilfe schaffen. Heimatvertriebene Lehrer, die „Flüchtlingslehrer“, wurden nach einem beschleunigten Entnazifizierungsverfahren in den Schuldienst übernommen, Lehramtsanwärter noch in der Ausbildungsphase in den Schulbetrieb eingegliedert. Schließlich musste dann doch wieder auf die zuvor entlassenen Lehrer zurückgegriffen werden. Sie hatten den berühmten Fragebogen auszufüllen und wurden von einer „Spruchkammer“ beurteilt. Wurden sie als „Mitläufer“ eingestuft oder fielen sie unter eine Amnestie, konnte nach einer Stellungnahme durch die Behörden und die Militärregierung eine Wiedereinstellung erfolgen. Im Archiv der Schule findet sich beispielsweise noch ein Beurteilungsschreiben des Schulleiters, der, in englischer Sprache, um ein „re-employment“ eines Lehrers ersuchte. Der Direktor versicherte, dass die betreffende Person nur ein „nominal party-member“ war, als kein aktiver überzeugter NS-Lehrer.

Spruchkammerbescheid für einen Lehrer 1947

Amnestie für eine Jugendliche 1947

Antrag des Schulleiters für das re-employment eines Lehrers (Auszug, 1947)

Das Schulhaus konnte dann im März 1946 endlich wieder geöffnet werden. Zuerst mussten die Reste des dort stationierten „motorpools“, also Kriegsfahrzeuge mitsamt ihren Waffen, abtransportiert werden. Das Gebäude hatte den Krieg zwar überstanden, aber Leitungen und Rohre waren defekt, das Mauerwerk war schadhaft und es war in der Anarchie des Sommers 1945 zu Plünderungen gekommen. Zugleich waren jedoch durch die vielen Flüchtlinge die Schülerzahlen drastisch angestiegen. In Bayern waren 1946/1947 an den höheren Schulen durchschnittlich 23 Prozent der Schüler „Flüchtlingskinder“, und diese Zahl stieg in den Folgejahren noch an. Im Schuljahr 1950/1951 musste dann eine Klasse mit 60 (!) Schülerinnen eingerichtet und unterricht werden! Verständlicherweise mussten daher am Mädchengymnasium alle Fachräume in reguläre Klassenzimmer umgewandelt werden. Der Unterricht fand nun in einem Schichtbetrieb statt: Ein Teil der Schülerinnen wurde am Vormittag, der andere Teil am Nachmittag unterrichtet. Dieser Schichtunterricht endete endgültig erst im Schuljahr 1956/1957.

Aber nicht nur die räumlichen Möglichkeiten waren begrenzt, auch die materielle Ausstattung war überaus dürftig. Es gab keine Schulhefte, ein neues Heft konnte oft nur gegen ein Kilo Altpapier eingetauscht werden. Der Mangel an Heften war besonders spürbar, denn da ja viele Schulbücher nicht mehr verwendet werden durften oder nicht mehr vorhanden waren, musste in vielen Fächern der Stoff in langen Diktaten und mit umfangreichen Zeichnungen vermittelt werden. Zugleich waren auch Stifte und Tinte Mangelware, eine amerikanische Spende mit „233 Schachteln Farbstiften“ wurde bejubelt. Jede Seite Papier wurde daher eng beschrieben, auch alte NS-Formulare mussten aufgebraucht werden, auch wenn dies nicht erwünscht war. Alltägliches wie Toilettenpapier war ebenso kaum aufzutreiben, und da Kohlen fehlten, musste bisweilen in den kalten Monaten jede Schülerin ein Stück Heizmaterial mitbringen.

Ein weiteres Hemmnis war die Anordnung der Besatzungsbehörde, dass sich jeder Bürger nur noch in einem engen Umkreis um seinen Wohnort bewegen durfte; die Reise- und Bewegungsfreiheit war aufgehoben. Viele auswärtigen Schülerinnen war damit der Weg nach Bayreuth an die Schule versperrt. Diese Not machte jedoch erfinderisch. Man brauchte eine Erlaubnis für den Schulweg, ein „permit“, und dieses war nur mit einer Begründung erhältlich. Im Schularchiv finden sich daher zahlreiche „permits“, die die Fahrt nach Bayreuth schließlich erlaubten. Beliebt war offenbar die Begründung, dass man in der Stadt Medikamente besorgen musste. Auf diese Weise wurde dann doch der Schulbesuch möglich!

Früher „permit“ vom Mai 1945

Der körperliche Zustand und die Ernährung der Schülerinnen und der Lehrer waren katastrophal. Die amerikanischen Behörden hatten bereits zu Beginn des Schuljahrs 1946/1947 beschlossen, mit Hilfe der Wohlfahrtsverbände, der Kirchen und dem Roten Kreuz eine Schulspeisung einzuführen, um das Schlimmste abzuwenden. An der Schule wurde daher mit der Unterstützung von Ärzten und der Schulbehörde ein „Schulspeisungsausschuss“ eingerichtet. Die Schülerinnen wurden in drei Kategorien eingeteilt: in „normal ernährte“, in „speisungsbedürftige“ und in „dringend speisungsbedürftige“. Dafür wurden „Wiegelisten“ ausgewertet, und es stellte sich heraus (was ohnehin jeder sehen konnte), dass beispielsweise fast alle Schülerinnen in der Klasse 1a (eine 5. Klasse) untergewichtig waren und der zweiten oder dritten Gruppe zugewiesen werden mussten. Es wurde ein Untergewicht von bis zu elf Kilo (!) ermittelt! Die Kinder der 3. Kategorie erhielten daher eine Essensration mit etwa 400 Kalorien – was jedoch auch nicht gerade überreichlich war. Ab dem 15. Mai 1947 wurde die Schulspeisung durch die Hoover-Hilfsaktion abgelöst, an der 700000 Schüler in ganz Bayern teilnehmen konnten. Gegen ein geringes Entgelt wurden nun auch die Schülerinnen des Mädchengymnasiums mit Nahrungsmitteln versorgt. Diese Speisung fand dann nach 1950 in den Jahren des Wirtschaftsaufschwungs und der „Fresswelle“ ihren Abschluss. – Von den bei der Speisung anwesenden Lehrerinnen und Lehrern wurde Charakterstärke abverlangt. Sie mussten Aufsicht führen, auch wenn ihr eigener Magen knurrte. Aber als Erwachsene hatten sie kein Anrecht auf eine Ration. Dankbar erinnerte sich eine Lehrerin später, dass ihr gelegentlich etwas heimlich von den Schülerinnen zugesteckt wurde!

Wiegeliste der Klasse 1b im Schuljahr 1946/1947

In diesen Mangeljahren mussten auch die Schüler und Lehrer wieder mithelfen, die Versorgung mit Lebensmitteln sicherzustellen. Wie schon in den Kriegsjahren wurden sie auf die Felder geschickt, um die Ernte zu sichern. Als beispielsweise im Sommer 1947 wieder eine Kartoffelkäferplage auftrat und da es an Arbeitskräften und an Geräten fehlte, wurden alle zum Sammeln der Insekten und ihrer Larven abgeordnet. Im Schulhaus wurden Schautafeln aufgestellt und Zettel ausgeteilt, damit man sich das Aussehen der Schädlinge gut einprägen konnte.

Anweisungen für den ersten „Schülerarbeitseinsatz“ beim „Kartoffelkäfer-Suchdienst“  im Juli 1945 (erste Seite)

Auch wenn diese Jahre im Rückblick bisweilen schon wieder verklärt werden, so muss doch die Not bisweilen unvorstellbar gewesen sein. Einmal musste sich der Schulleiter sogar an das Schulamt wenden und um die „Zuteilung von ein Paar Kinderschuhen“ bitten, da sich ansonsten eine Schülerin nicht mehr auf den Schulweg machen konnte. Viele heimatvertriebene Schülerinnen hausten in den Flüchtlingsbaracken, hatten alles verloren und lebten fern von den früheren Verwandten und Bekannten.

Antrag des Schulleiters Glöckel auf Zuteilung von Schuhen 1947

Man hatte zwar den Krieg überlebt, aber die Lage vieler Familien war verzweifelt. Eine Auswertung der erhaltenen Jahresberichte und Unterlagen ergibt, dass im Jahr 1947 elf Prozent (!) der Väter von den 638 Schülerinnen des Mädchengymnasiums vermisst oder im Krieg gefallen waren. (Über die Zahl der vermissten oder toten Brüder der Schülerinnen, die im „wehrdienstfähigen Alter“ gewesen waren, sollte man besser nicht nachdenken.) Hinzu kamen die Väter, die noch nicht aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt waren oder die nicht mehr in ihren alten Tätigkeiten arbeiten konnten. Viele Familien standen damit ohne Ernährer da und mussten von der meist kümmerlich bezahlten Arbeit der Mütter und älteren Geschwister leben.

Die Lage war also bisweilen hoffnungslos, aber wenigstens hatten einige der alten Borniertheiten überlebt: Noch immer galt es als selbstverständlich, dass für den Besuch einer höheren Schule auch „Schulgeld“ zu entrichten war. Freilich häuften sich nun verständlicherweise am Mädchengymnasium die Gesuche, in denen um eine Ermäßigung dieser Gebühr nachgesucht wurde.

Gesuch für eine Ermäßigung des Schulgelds 1946

Viele Angaben in diesem Text stützen sich auf eine Facharbeit der RWG-Schülerin Nadine Barth, die sie 2003 über die Nachkriegsjahre der Schule verfasst hat. Sie wurde auch in der Zeitschrift des Historischen Vereins für Oberfranken veröffentlicht:
Nadine Barth, Schule und Erziehung in der Nachkriegszeit (1945-1950). Untersuchungen am Beispiel des Richard-Wagner-Gymnasiums. Bayreuth 2004 (Historischer Verein für Oberfranken. Sonderdruck aus Archiv für Geschichte von Oberfranken, Band 84)