Schulgeschichte

Die Schulzucht von 1896: Ordnung und Sittsamkeit

Titel der Schulzucht von 1896

Drei Jahre nach seinem Amtsantritt, im Jahr 1896, fasst Schulrat Kesselring die an der Schule bestehenden disziplinarischen Anweisungen zu einer „Diziplinar-Ordnung“ zusammen. Sie hat als „Schulzucht“ bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs Gültigkeit.

Kesselring, ein in vielen Dingen fortschrittlicher Mann, zeigt sich hier als echter Wilhelminer. Die Schulzucht ist zeitgemäß militärisch-knapp, es herrscht oft ein Kommandoton vor, ein Offizier spricht zu seinen Soldaten. Viele Vorschriften sind zeitbedingt und wirken heute eher amüsant. Die Zucht war jedoch kein Zuckerschlecken, die strengste Strafe, die offenbar gelegentlich auch ausgesprochen wurde, war die „Verweisung von der Schule.“ 1902 wurde sogar angeordnet, dass die Schülerinnen keinen Umgang mit „dimittierten Schülerinnen“ mehr haben sollten.

Oberste Werte für die höheren Töchter müssen Sittsamkeit, Bescheidenheit, Höflichkeit und Ordnungsliebe sein:

Sittsamkeit und Bescheidenheit

Übertritt man ein Gebot, sollen sich Schamgefühle regen, die internalisiert sind:

Man hat sich zu schämen

In einer heute nicht mehr vorstellbaren Weise wird auch das Verhalten der Schülerinnen außerhalb der Schule überwacht. Die Lektüre der Schülerinnen soll genau kontrolliert werden. Vergnügungen wie Tanzkurse lenken zu sehr ab und sollen nur dem „reiferen Alter“ vorbehalten sein:

Außerhalb der Schule

Theater, Konzerte, Tanz und Feierlichkeiten gelten als Raub an der Lust am Lernen. Die Eltern sollen dem Schulleiter um Erlaubnis fragen, falls denn einmal ein Besuch unbedingt notwendig sein sollte:

Gefahren für die Lust am Lernen

Schmuck und Putz ziemen sich ebenfalls nicht, Einfachheit ist angesagt – so steht es nun zumindest in einem Merkblatt für die Eltern von 1904. (Noch kurz zuvor hatten die Mütter die Töchter ins Korsett gesteckt und mit Seidenkleidern und Perlenketten ausstaffiert.)

Kein Putz

Jeglicher Umgang mit dem „anderen Geschlecht“, den Jungen, wird streng beobachtet und erregt Missmut. 1913 ist ein Direktoratsverweis fällig, da eine Schülerin gegen ein Tanzverbot verstoßen hat und überhaupt mit „jungen Herren“ gesehen worden ist:

Direktoratsverweis 1913

Die Schülerin hat sich ferner des öfteren von jungen Herren begleiten lassen, kürzlich sogar auf dem Wege zur Schule, was als schlechtes Beispiel für die übrigen Schülerinnen scharf zu rügen ist und nicht wieder vorkommen darf.

Auch das Betragen der Lehrerinnen und Lehrer wird von Kesselring sorgfältig überwacht. Körperliche Züchtigungen wie „Maulschellen“, wie sie an den Volksschulen und an den Schulen für Jungen üblich waren: Sie dürfen nicht einmal angedroht werden. Auch „ungeziemende Schimpfworte“ für die Schülerinnen, wie die Benennung als „Gänse“, sind zu unterlassen.

Die Bestimmungen der „Schulzucht“ müssen sich in Bayreuth schnell herumgesprochen haben. Diensteifrig beteiligen sich auch Bayreuther an der Überwachung der Schülerinnen und melden Vorkommnisse an die Schule, meist in anonymen Briefen. Auch eine gewisse Schadenfreude spielte offenbar eine Rolle, wenn man einmal eine der höheren Töchter ertappt hatte. Kesselring nimmt die Briefe unverständlicherweise zur Kenntnis und heftet sie auch ab, einige sind im Schularchiv erhalten. Aus einem anonymen Brief im Jahr 1905:

Die H. hat trotz wiederholter Warnungen am Samstag des Monats am Maskenscherz des deutschen Handlungsgehilfenvereins im Anker teilgenommen (im Trauerkostüm) und sämtliche Touren bis halb fünf getanzt. Man bittet, sie demgemäß zu bestrafen.

Viele Eltern werden 1896 diese erzieherischen Bemühungen des Direktors mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen und unterstützt haben. Andererseits dürften manchen der hochgestellten und vermögenden Honoratioren, die ihre Töchter für viel Geld an der Schule untergebracht hatten, die Belehrungen sauer geworden sein. Nach 1918, als bereits Elternbeiräte und Schülerausschüsse eingerichtet worden waren, schreibt ein Herr W. entnervt an die Schule. Seine Tochter war auf einem Tanzvergnügen im Schießhaus Saas ertappt worden:

Ich verbitte mir auf das Entschiedenste jegliche Einmischung in meine privaten Familienangelegenheiten.

Die Republik war ausgebrochen, die hohe Zeit der Schulzucht war vorüber.